Die Hände einer Reiterin. Nicht ideal getragen.

Die Frau hat Daumen (und möglicherweise Finger)

So eine Reitstunde steckt voller Überraschungen. Bei uns ist das jedenfalls so, und manchmal kommt die Frau aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Neulich zum Beispiel hat Frau Reitlehrerin erklärt, wie man die Zügel hält. Fand die Frau total uninteressant, die will ja Hohe Schule reiten und kann sich nicht um jeden Kleinkram kümmern.

Außerdem würde sie schon ewig reiten, erklärt sie Frau Reitlehrerin. Da wüsste sie ja wohl, wie man die Zügel festhalten würde. Hier so, zwischen Daumen und Zeigefinger und zwischen Ring- und kleinem Finger eingefädelt.

Soso, sagt Frau Reitlehrerin wenig beeindruckt. Wenn die Frau dann mal bitte die Zügelfäuste aufrecht hinstellen würde?

Die Frau gehorcht murrend.

„Und den Daumen dachförmig obendrauf“, kommandiert Frau Reitlehrerin.

Wozu das denn schon wieder gut wäre. Das stünde zwar in jeder zweiten Reitlehre, wäre aber mit Sicherheit nur dazu da, um ihr und allen anderen Reitern das Leben schwer zu machen. Und doof sähe es auch aus, findet die Frau.

Das hätte den Sinn, die Hand locker zu halten, erklärt Frau Reitlehrerin.

„Ach was, das sind Zügelfäuste. Fäuste. Nicht Händchen. Da muss man also auch mal zupacken.“ In den Augen der Frau glitzert es aufsässig.

„Beim feinen Reiten eher nicht“, bemerkt Frau Reitlehrerin, an der die vorwitzigen Sprüche der Frau abprallen wie Faxe an der Tür zur Futterkammer. Beim feinen Reiten, fährt sie fort, würde es nämlich darum gehen, mit beweglichen Fingern möglichst wenig auf das Pferdemaul einzuwirken.

Ich habe mich wie selbstverständlich in die Mitte der Reitbahn gestellt, weil die Frau nicht gleichzeitig zuhören und reiten kann. Außerdem kann mich Frau Reitlehrerin so besser streicheln, während sie der Frau erklärt, dass sie ihre verkrampften Eisenfäustchen lockern muss. So hat sie sich zwar nicht ausgedrückt, aber das hat sie gemeint.

‚Bewegliche Finger, soso. Was sich Frau Reitlehrerin so alles ausdenkt, um mir das Leben schwerzumachen. Kann ich nicht einfach irgendwelche tollen Lektionen reiten? Piaffe und so‘, denkt die Frau.

Beim Reiten dürfte bekanntlich kein einziger Körperteil starr sein, fährt Frau Reitlehrerin fort. Alles wäre ständig in Bewegung, wobei diese Bewegungen oft so klein wären, dass man sie gar nicht sehen könnte. Man würde dann nur ein weiches, harmonisches Miteinander sehen. Vor allem die Hand dürfte niemals fest sein, sondern müsste immer weich das Pferdemaul fühlen und erspüren, was so alles im Pferdekörper vor sich geht.

„Und dafür muss der Daumen so albern umgeknickt werden? So … dachförmig halt?“, erkundigt sich die Frau schlechtgelaunt.

Ja genau, erwidert Frau Reitlehrerin mit großer Ruhe. Dann könnte man die Hand nicht mehr verkrampfen und die Finger blieben beweglich. Den Zügel könnte man zwischen dem dachförmigen Daumen und dem Zeigefinger halten und mit den anderen Fingern bei Bedarf vibrierende Bewegungen ausführen.

Vibrieren auch noch. Demnächst müsste sie wohl noch Klavierspielen lernen oder was?, fragt die Frau, der das ganze Fingergewackel unheimlich ist.

„Schaden würde es zumindest nicht“, antwortet Frau Reitlehrerin fröhlich.

Stell ich mir schwierig vor, mit zwei linken Händen. Aber es gibt nicht viel, was Frau Reitlehrerin nicht hinkriegt, wenn sie es sich in den Kopf gesetzt hat.

Nach der ersten Überraschung hat sich die Frau auch tapfer bemüht, ihren Daumen dachförmig auf der aufrechten Zügelfaust zu platzieren und siehe da – die Vorteile der neuen, feinen Anlehnung sind nicht zu unterschätzen. Die Frau findet mit einem Mal alles viel einfacher und ich auch. Gut, sie kann sich das mit dem dachförmigen Daumen nur maximal zwei Runden lang merken, aber dafür gibt es ja Frau Reitlehrerin 😉

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