Ein schwarzes Pferd schaut in die Kamera. Es trägt ein schickes Halfter in Blautönen.

Solang ich deine Miete zahle, hörst du mir gefälligst zu!

Der Lutschi, unser minderjähriges Mähnenwunder, hat ja lange Zeit geglaubt, sein Name wäre „Nein“, weil das das Wort ist, das er am häufigsten hört (gefolgt von „Aua“ und „Gib das wieder her!“). Die Frau, unsere gemeinsame Besitzerin, sagt, er bräuchte noch viel Erziehung.
Ich selbst gehöre zu der großen Zahl Pferde, deren Nachname „Lass das“ ist. Pfridolin Lass das, Faxe Lass das undsoweiter. Wahrscheinlich sind wir alle miteinander verwandt.

Der Frau mache ich da keinen Vorwurf. Die ist eben schlicht gestrickt und kann sich unsere richtigen Namen wahrscheinlich gar nicht merken. Außerdem brabbelt sie eh die ganze Zeit vor sich hin, so dass mir irgendwann ganz warm und schwummerig im Kopf wird und ich wegdöse. Beim Putzen zum Beispiel.
„So, jetzt kommt erstmal das Mähnenspray, damit du wieder ordentlich aussiehst!“ Ich würde ordentlicher aussehen, wenn sie mir nicht dauernd Zacken in die Mähne schneiden würde, aber lassen wir das. Es folgt heftiges Geziepe. Ich schüttele den Kopf.
„Pfridolin, lass das!“ Sie kämmt und ziept weiter. Ich halte den Kopf so hoch, dass sie nicht an die kümmerlichen Reste meiner Mähne kommt.
„Lass das!“ Mist, sie hat einen Hocker.
„Warum geht denn das nicht? So ein blödes Zeug.“ Mehr Geziepe. Ich mache einen Ausfallschritt nach links.
„Pfridolin, nun lass es doch einfach!“ Das Fell an meinem Hals ist übrigens seidenweich. Da, wo sie an der Mähne vorbeigesprüht hat. Ziep. Ich verdrehe die Augen.
„Ach, man muss es vorher trocknen lassen.“ Nachdenkliche Stille. Aber nur kurz.
„Guck mal, Hase, ich hab dir einen neuen Putzkasten gekauft! In piiiiink!“ War mir bereits aufgefallen, aber danke für den Hinweis. Ich versuche heimlich, meinen Anbindeknoten zu lösen. „Hase, lass das!“ Es folgt das Geräusch von Bürsten, Striegeln und anderen Pflegeutensilien, die planlos auf den Boden geworfen werden.
„Wo ist denn…. verdammt! …. Ah, hier!“ Die erste Schmutzkruste fällt.
„Du altes Erdferkel. Warum musst du dich eigentlich immer so einsauen?“ Vom Hasen zum Erdferkel in weniger als 5 Sekunden. Das muss ihr auch erstmal einer nachmachen. Es folgen weitere unsachliche Kommentare über mein Äußeres, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Der ständige Redefluss und das wohltuende, wenn auch ungeschickte Rubbeln des Striegels lassen mich in einen Dämmerschlaf fallen, aus dem ich erst aufschrecke, als die Frau an meinem Vorderbein herumzerrt und dabei von „Hüfchen geben“ und „Hufilein auskratzen“ faselt.
„Nun lass dich doch nicht immer so bitten! Wir haben da doch schon oft drüber gesprochen!“ Du vielleicht, denke ich. Ich weiß nur, dass ich bei manchen Geräuschen etwas machen muss und bei anderen Geräuschen einen Keks kriege. Ich setze versuchshalber mein Keksgesicht auf und lächele sie an.
„Jetzt guckst du wieder so süß. Aber nicht mit mir! Solang ich deine Miete zahle, hörst du mir gefälligst zu! Und gehorchen wäre auch ganz schön! Du weißt doch genau, was du jetzt tun sollst!“ Nein, da muss ich leider raten und warte darauf, dass sie das Zauberwort sagt. Nämlich eines der Stimmkommandos, das ich kenne.

Frau Reitlehrerin spricht übrigens so gut wie nie mit ihren Pferden. Sicherlich werden die auch belohnt und kennen Stimmkommandos, aber Frau Reitlehrerin ist der Ansicht, dass Pferde vor allem körpersprachlich miteinander kommunizieren und passt sich da an. Da, wo Frau Reitlehrerin etwas mit ihren Pferden macht, ist es auch immer angenehm ruhig. Im Gegensatz zu unserem Putzplatz, wo die Frau nicht nur auf mich, sondern auf den Mann und alle anderen Lebewesen einredet, die das Pech haben, sich dorthin zu verirren. Wir verzeihen ihr, weil sie sehr niedlich ist und mit den Leckerlis nicht geizt. Ich glaube auch, dass sich der Mann insgeheim vor ihr fürchtet.

„Es ist halt nur komisch“, sagt die Frau zum Mann, „dass die Pferde von Frau Reitlehrerin so großartig erzogen und so hervorragend ausgebildet sind. Überhaupt lieben alle Tiere Frau Reitlehrerin. Und das, wo sie so wenig mit ihnen spricht. Und Leckerlis füttert sie auch nie.“
„Tja“, antwortet der Mann diplomatisch. Und zu mir gewandt: „Gib Huf, Pfridolin!“
Ich gebe Huf und sag dazu besser nix. Ich bin ja hier nur das Pferd und hab keine Ahnung 😉

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6 Gedanken zu „Solang ich deine Miete zahle, hörst du mir gefälligst zu!

    1. pfridolin Artikelautor

      Liebe Evelyn,

      so etwas gibt es sogar jetzt schon. Es heißt „…und ich dachte, Reiten kann man lernen…“. Ich überarbeite es gerade für die 2. Auflage, aber die Originalversion bekommst du im Buchhandel und hier.

      GLG nach NL!

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  1. Alexandra Moryson

    Hallo ich zufällig darauf gestoßen und habe das Grinsen nicht aus dem Gesicht bekommen . das ist wirklich SOOOOO nett geschrieben . GROßES LOB an den Verfasser !! ich werd das Buch in jedem Fall holen , einfach weil es sooo wichtig ist einfach mal zu Schmunzeln ..

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