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Ein liegendes Pferd, das lächelt

Keine Piaffe

Keine Piaffe. Noch nicht mal ein Trippeln auf der Stelle. Keine graziösen Traversalen oder Serienwechsel. Und dann noch dieser unbequeme Trab. Warum ist dieses Reiten bloß so scheißschwierig?, fragt sich die Frau stellvertretend für alle Mitleidenden und schiebt eine schwere Sinnkrise. Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, kommt auch noch Frau Reitlehrerin dazu.
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Der Lutschi lächelt in die Kamera

Slow Riding

Slow Food kennt ihr, oder? Halt das Gegenteil von Fast Food. Aber kennt ihr auch Slow Riding? Nein? Dachte ich mir. Das ist nämlich eine Erfindung der Frau, die mit der Behauptung, der Lutschi wäre nicht langsam, sondern versammelt, nicht durchgekommen ist. Der Lutschi, der eigentlich Lucero heißt und unser spanisches Mähnenwunder ist, wird so genannt, weil er seine Umgebung vornehmlich mit dem Maul erkundet – er isst alles, was er findet, und was er nicht essen kann, wird zumindest angeknabbert, die Frau eingeschlossen. Sie ärgert sich dann zwar immer, aber wenn er sie mit seinem grenzdebilen Dackelblick anschmachtet, ist alles vergeben und vergessen.
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Hände, die Zügel halten. Außerdem im Bild: eine Schabracke in Pink.

Die Frau hat Hände – und irgendwie hängen die Schultern auch mit dran

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit hat die Frau die Hoffnung auf Piaffe und Passage noch nicht aufgegeben. Neulich im Reitunterricht, als es grad mal wieder nicht so lief, wie sie das wollte (das passiert ja eigentlich dauernd, aber sie kann sich einfach nicht daran gewöhnen), fragte sie Frau Reitlehrerin mit ihrem schönsten Dackelblick, wann es denn endlich an die höheren Lektionen ginge. Das mit dem feinen Reiten hätte sie ja schon ganz gut drauf, da könnte man doch wirklich mal an die Piaffe denken. Sie würde schon so lange reiten, da wäre die doch mittlerweile fällig.

Außerdem ist sie natürlich neidisch auf den Mann, der noch nicht so lange reitet wie sie und schon Traversalen kann. Sie würde das aber nie zugeben 😉

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Ein schwarzes Pferd mit offenem Maul. Es sieht aus, als würde es lachen.

Die Frau macht Hula-Hoop

Die Frau ist ja eher so’n Steifftier. Damit sie wenigstens ein klein bisschen Gefühl für ihre Kehrseite bekommt (und besser damit denken lernt), macht Frau Reitlehrerin mit ihr Sitzübungen. Ich bin wie immer unersetzlich und muss sie dabei rumschleppen, weil der Lutschi noch zu unreif für so wichtige Aufgaben ist.

Als erstes kommt die Zifferblattübung. Sie soll sich vorstellen, sie würde mitten auf einem Zifferblatt sitzen und soll dann das Becken auf die 12 kippen oder auf die 3 oder die 6. Manchmal wird auch gekreist, immer ringsum. In der Zeit hab ich frei und kann an Stuti denken. Das ist also ziemlich ok.

Natürlich hat die Frau hieran was zu meckern. Wie könnte es auch anders sein ^^. Ihre Beschwerden zielen hauptsächlich darauf ab, dass sie mir meine Freizeit mißgönnt und denkt, die Bewegungsanteile wären ungleich verteilt. Außerdem meint sie (völlig zu Recht), sie sähe blöd aus, wenn sie die Hüften so schwingt. Zitat: Wie eine Samba-Tänzerin mit Bauchschmerzen. Da muss sogar Frau Reitlehrerin lachen. Das hilft der Frau aber nicht, sie muss weiter Tschakka-Lakka mit dem dicken Hintern machen ihr Becken mobilisieren.

Die Frau findet das doof und will mit Frau Reitlehrerin diskutieren. Das tut sie ja oft, wenn irgendwas nicht klappt – also eigentlich ständig. Wozu das denn überhaupt gut wäre. Sie würde reiten wollen und sich nicht hüftenschwingend lächerlich machen. Piaffe, Passage und solche Dinge. Oder Garrocha!

Frau Reitlehrerin erklärt zum fünfundachtzigtausendsten Mal – aber immer noch sehr geduldig, wie ich finde –, dass richtiges Reiten halt nur aus einem korrekten Sitz heraus funktionieren würde. Der Sitz wäre die Basis für alles andere. Die Frau nörgelt, das würde sich aber ganz schön ziehen. Sie würde bestimmt schon seit einem Jahr ganz viel auf mir rumturnen, wann denn nun endlich der korrekte Sitz da wäre? Das wäre ein Dauerprojekt, erwidert Frau Reitlehrerin. Am Sitz müsste man immer arbeiten. Auch die Profis? fragt die Frau bang. Auch die Profis, nickt Frau Reitlehrerin.

Seufzend fügt sich die Frau ins Unvermeidliche und fragt, ob sie denn außer Reiten noch etwas tun könnte, um lockerer zu werden. Klar, meint Frau Reitlehrerin. Wie wäre es denn mit Hula Hoop? Die Frau kichert, Hula Hoop hätte sie als Kind viel gemacht. Das wär ja total einfach! Na dann, lächelt Frau Reitlehrerin und stellt reiterliche Erfolge in Aussicht. Die Frau hat Blut geleckt und kauft sich bei nächster Gelegenheit so ein Gerät.

In der nächsten Reitstunde hat sie sich dann darüber beschwert, dass die heutigen Hula-Hoop-Reifen alle nix taugen würden. Die würden ja dauernd runterfallen. Der Plan wäre eigentlich gewesen, den Reifen gefühlte Ewigkeiten um ihre biegsamen Hüften tanzen zu lassen und nicht, sich dauernd zu bücken. Unverschämtheit, sowas.

Frau Reitlehrerin sagt dazu erstmal nix und wartet ab, ob die Frau vielleicht auch alleine darauf kommt, dass sie als Kind lockerer war als heute, wo sie ein mittelalterliches Steifftier ist. Und ich freu mich schon darauf, dass sie das quietschbunte Ding demnächst in den Stall mitbringt und mit dem Lutschi Halsringreiten macht. Für was anderes würde es ja nach ihrer Ansicht nicht taugen. Ich habe glücklicherweise einen eigenen Halsring, und zwar in dezenter Farbgebung, aber zum Lutschi passt der pinke Plastikreifen perfekt.
Barbie-Pony 😉

Schulterherein

Seitengangsalat (Teil 1)

Je mehr seitwärts, desto besser – so oder so ähnlich stellt sich die Frau die Seitengänge vor. Wir haben nämlich wieder Reitunterricht gehabt und Seitengänge geübt. Also nur die Frau, ich kann die ja schon alle: Mit dem Kopf zur Bande über die eigenen Beine stolpern, mit dem Hintern zur Bande über die eigenen Beine stolpern und dabei jeweils in unterschiedliche Richtungen gucken und Kuddelmuddel auf der Diagonalen.

Das ist aber eigentlich nur was für Fortgeschrittene – ich frage mich, wieso Frau Reitlehrerin die Frau da ins Spiel bringt. Aber egal – für mich ist es sehr entspannend, weil Frau Reitlehrerin viel erklärt, die Frau wenig versteht und ich demzufolge rumstehen und schlafen kann.

Die Frau strebt ja für gewöhnlich nach Höherem, und das Wort Piaffe kommt oft in ihren Wunschvorstellungen vor. Fast ebenso häufig ist allerdings das Wort Traversale. Dann hat sie noch von Travers und Renvers gehört. Manchmal frage ich mich, wo sie sowas herhat und wann sie endlich anfängt, dieses „Fühlen“ zu lernen, von dem Frau Reitlehrerin so oft spricht 😉 Jedenfalls möchte sie mehr über Schulterherein und Renvers erfahren.

Wir stapfen also in die Reithalle, ich mit weißen Bandagen, die Frau mit frisch geputzten Stiefeln. Bandagiert werden ist eigentlich ganz lustig, weil die Frau so ungeschickt ist. Man hat viel zu lachen dabei. Ist aber letztlich egal, weil Frau Reitlehrerin not amused ist. Erstmal, weil die Bandagen so schlampig angebracht sind, und dann, weil die Dinger wohl gar nicht gut für meine Beine sind – Stichwort Hitzestau. Gut, dass die Frau noch nicht auf mir drauf sitzt, da geht das Abwickeln gleich viel schneller.

Na ja, und dann geht’s los. Die Frau hievt sich auf meinen Rücken. Bei meinem Gardemaß von 1,65 m nimmt sie dafür eine Aufsteighilfe, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Es gibt ja immer noch Leute, die so aufs Pferd hüpfen und es sportlich finden, dabei ihrem Reitkumpel den Sattel einmal quer über die Wirbelsäule zu ziehen.

Endlich oben angekommen, ist erstmal Schritt angesagt – ihr kennt das. Frau Reitlehrerin fragt währenddessen, was die Frau so alles über das Schulterherein weiß. Nicht viel, aber das will sie nicht zugeben. Stattdessen murmelt sie etwas vom „Aspirin der Reitkunst“. Frau Reitlehrerin kennt aber ihre Pappenheimer und zeigt sicherheitshalber, wohin mein Kopf zeigen soll (ins Bahninnere), wo meine Vorderbeine langlaufen sollen (die Vorhand wird einen Schritt hereingeführt und geht quasi auf dem eineinhalbten Hufschlag geradeaus. Nicht auf dem zweiten – das wäre zuviel Abstellung) und wo meine Hinterbeine sind (die gehen auf dem ersten Hufschlag geradeaus). Die Banane auf dem Foto demonstriert es sehr schön, wenn auch ohne Beine. Bei den Pferdebeinen ist es nämlich so, dass man von vorn gesehen im Schulterherein nur drei Beine sieht, weil das äußere Vorderbein das innere Hinterbein verdeckt. Die Frau nickt und tut so, als wäre ihr das natürlich alles klar gewesen.

Jetzt setzt Frau Reitlehrerin noch einen drauf und erklärt der Frau, dass sie selbst für das Schulterherein ihre Schultern nach innen nehmen müsste, weil vom Grundsatz her das Pferd (= ich) der Bewegung des Reiters (= die Frau) folgen würde. Also erstmal in Innenstellung einen Schritt vom Hufschlag abwenden und dann geradeaus die lange Seite runter. Und mir nicht mir den Hals krumm ziehen und geradeaus weiterreiten wie sonst.

Die Frau und ich machen dann mal das, was sich die Frau vorstellt. Frau Reitlehrerin merkt an, dass der Pfridolin nicht auf den dritten, vierten und fünften Hufschlag abwandern sollte, sondern mit der Hinterhand auf dem ersten Hufschlag bleiben. Weniger innerer Zügel, mehr äußerer Zügel! Die Frau giftet leise, man könnte es Frau Reitlehrerin ja nie recht machen und fällt ins andere Extrem – noch etwas mehr seitliche Abstellung und ich würde umfallen. Frau Reitlehrerin erklärt, die richtige Lösung läge möglicherweise irgendwo dazwischen. Ich finde sie ganz schön diplomatisch :)

Mittlerweile hängt die Frau wieder wie eine Trauerweide auf mir. Ich lasse entsprechend auch alles hängen. Weil ich etwas größer bin als sie, fällt das auf und führt zur vorübergehenden Sitzkorrektur. Die Frau mag jetzt nicht mehr und behauptet, ich wäre einfach zu störrisch für so komplizierte Lektionen. Das findet Frau Reitlehrerin gar nicht, übernimmt von unten die Zügel und lässt mich an der nächsten langen Seite schulterhereinen, was das Zeug hält, während die Frau obendrauf sitzt und staunt, wie sich das anfühlt.

Frau Reitlehrerin lobt mich und erklärt, es wären eigentlich nur kleine Hilfen, aber die müssten halt zueinander passen. Ganz wichtig wäre der äußere Zügel, der die Bewegung weich abfängt, damit ich der Frau nicht über die Schulter weglaufe. Ach, staunt die. Sie hätte immer gedacht, das müsste so sein. Viel seitwärts = viel gut. Frau Reitlehrerin verneint. Es bräuchte gar nicht viel seitliche Abstellung. Dann wäre auch der gymnastische Wert höher.

Da hat sie allerdings Recht – ich finde das Ganze ziemlich anstrengend und mache nur mit, weil ich nachher Else und Stuti sehe und sie mit meiner sportlichen Figur beeindrucken will.

Als nächstes kommt Renvers, weil man das aus dem Schulterherein entwickeln kann. Behauptet jedenfalls Frau Reitlehrerin. Beim Renvers zeigt mein Kopf immer noch ins Bahninnere und mein Popo zur Bande.

Renvers

Banane im Renvers. Links ist das Bahninnere und rechts die Bande.

Im Gegensatz zum Schulterherein werde ich aber in Bewegungsrichtung gestellt und gebogen. Also theoretisch. Wenn die Frau alles richtig macht. Sicherheitshalber hat Frau Reitlehrerin das auch mal eben von unten demonstriert. Die Frau staunt Bauklötze, was ich alles kann. Frau Reitlehrerin erklärt jetzt noch, wozu diese ganzen Seitwärtsbewegungen gut sind. Für mehr Gleichgewicht, Geschmeidigkeit und Körperbeherrschung nämlich. Letzten Endes ginge es immer darum, mich auf beiden Händen gleich geschmeidig zu machen. Pffff, soll die Frau doch mal bei sich selbst anfangen.

Die Lektionen wären halt kein Selbstzweck, sondern letztlich ein Hilfsmittel. Das Pferd wäre nämlich nicht für die Lektionen da, sondern die Lektionen für das Pferd. Die Frau staunt wieder. Eigentlich interessiert sie sich ja für genau zwei Lektionen: Piaffe und Traversale. Den Rest hatte sie bisher als leidige Pflichtübungen angesehen, die man halt beherrschen muss, weil sie in Dressuraufgaben vorkommen. Mitnichten. Frau Reitlehrerin erklärt, dass zwischen den einzelnen Lektionen Zusammenhänge bestehen. Zum Beispiel macht Schulterherein ganz allgemein dicke Muskeln und sexy Bewegungen trainiert das Schulterherein die Tragkraft des inneren Hinterbeins und fördert so die Versammlung. Irgendwie läuft das dann später alles auf Piaffe und so hinaus. Zu dem Zeitpunkt hab ich aber nicht mehr zugehört, weil mir da schon die Augen zugefallen sind. Überhaupt krieg ich nachts zu wenig Schlaf, weil meine Boxennachbarin Else immer noch so doll schnarcht.

Beim Wort Piaffe schrecke ich wieder hoch und ahne Fürchterliches. Hoffentlich wird dieses Seitwärtsturnen nicht zur Gewohnheit – das ist nämlich ganz schön schwierig und ich bin ja eigentlich Freizeitpferd und keine Dressur-Elfe. Die Frau aber auch nicht.

Wenn Stuti und Else sowas allerdings toll finden, wäre ich aber jederzeit bereit, meine Einstellung zu ändern.

Lesetipp: Wenn ihr mehr über das Schulterherein, die Voraussetzungen dafür und die korrekte Hilfengebung erfahren wollt, seid ihr bei Dani von Fair Riding Corp richtig.

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Die Frau hat’s schwer

Die Frau hat‘s mal wieder schwer. So richtig, richtig schwer. Und keiner versteht sie. Frau Reitlehrerin nicht, der Mann nicht und sowieso niemand auf der Welt. Ich habe Glück, ich verstehe sie zwar auch nicht, aber mich findet sie niedlich. Deshalb ist sie in solchen Momenten besonders anschmiegsam. Ich mag sie ja auch und weiß genau, dass sie weiß, dass Liebe durch den Magen geht. Entsprechend viele Leckerlis bekomme ich auch 😉

Es fing (natürlich) wieder im Reitunterricht an. Frau Reitlehrerin stellte fest, dass die Frau im Schulterbereich total verspannt ein wenig fest war und schlug ihr vor, erstmal die Schultern kreisen zu lassen. Ich hätte ihr das ja schon früher gesagt, aber auf mich hört ja keiner. Die Frau kreist also munter drauflos. Ich bekomme in solchen Situationen immer den Zügel auf den Hals gelegt und wandere gemütlich auf dem Hufschlag außen rum. Erstens traut sich kein anderer Reiter in die Bahn, wenn die Frau reitet waren wir zufällig ganz allein in der Halle und zweitens wächst da manchmal was Essbares, was man unauffällig rupfen kann. Tannendeko von Weihnachten zum Beispiel. Oder auf dem Reitplatz Grasbüschel und lecker Hecke.

Die Frau kreist übrigens immer noch. Erst in eine Richtung, dann in die andere. Sieht lustig aus, wenn auch ein wenig verbissen. Jetzt soll sie ganz klitzekleine Kreise mit den Schultern machen und siehe da, allmählich kehrt Lockerheit in den Schultergürtel ein. Während ihre Ärmchen rotieren, schwingt sie bitterböse Reden. Das wäre alles so schwierig und sähe total lächerlich aus, täte auch irgendwie weh und ganz bestimmt gäbe es auch einen einfacheren Weg, den Frau Reitlehrerin ihr aber vorenthalten würde, damit sie, die Frau, sich hier zum Affen machen würde. Nicht, dass sie was gegen Affen hätte, aber ob diese ganze Turnerei wirklich nötig wäre? Andere würden nie turnen. Nie. Schon gar nicht auf dem Pferd. Die wären aber auch locker, erwidert Frau Reitlehrerin ungerührt. Ob die Frau denn ihre Dehnübungen für die Hüftbeuger gemacht hätte? Die Knie müssten tiefer und das Bein insgesamt länger sein.

Ups, erwischt. Natürlich hat die Frau kein bißchen geübt, will das aber nicht zugeben. Sie behauptet, ihre Beine wären nicht zu verlängern. Sie wäre ausgewachsen und mehr käme da nicht. Das lässt Frau Reitlehrerin nicht gelten und spricht stattdessen von einem entspannten Oberschenkel, der locker herunterhängt. Die Frau erfindet merkwürdige Hüftschmerzen, die sie vom Üben abgehalten hätten. Um aus dem unangenehmen Gespräch herauszukommen, streckt sie die Beine eifrig nach unten.

Ob das denn auch lockerer ginge, will Frau Reitlehrerin wissen. Die Frau verneint. Sie könnte ja nix dafür, dass das alles so schwierig wäre. Aber wenn ich bequemer wäre und freiwillig piaffieren würde, dann würde sie ganz bestimmt lockerer sitzen. Ich gucke Frau Reitlehrerin an. Frau Reitlehrerin guckt die Frau an. Die guckt zurück. Also mich guckt sie ja schon die ganze Zeit an, weil sie den Kopf immer so hängen lässt, aber jetzt richtet sich tatsächlich zu ihrer vollen Größe von 1,61 m auf und guckt Frau Reitlehrerin an. Die guckt wieder mich an und wir beide haben den Verdacht, dass die Frau das eventuell ernst meint.

Wieso soll denn der Pfridolin piaffieren?, fragt Frau Reitlehrerin, nur leicht irritiert. Sie und ich, wir kennen die Frau und ihre lustigen Ideen ja schon länger und wissen, dass sie eigentlich trotzdem ok ist.
Weil das toll wäre. Hach, Piaffe, seufzt die Frau so sehnsüchtig, so dass Frau Reitlehrerin ihr gar nicht böse sein kann. Sogar ich bin gerührt. Wenn man bedenkt, wie anstrengend Piaffe ist, spricht das ja wohl wirklich für mein gutes Herz. Für einen Moment habe ich sogar überlegt, mal kurz auf der Stelle zu trippeln, um meiner putzigen Besitzerin eine Freude zu machen. So hengstmäßig, mit weit gesenkter Hinterhand und stolzer Aufrichtung. Dann entscheide ich mich dagegen. Man soll die Menschen nicht verwöhnen, die wollen das dann immer, hat mir mein kluger Kumpel Faxe mal gesagt, und weil er den totalen Durchblick hat und (manchmal) Türen öffnen kann, glaube ich ihm.

Nach diesem emotionalen Moment schlucken wir alle kurz und Frau Reitlehrerin meint gerührt, dass sie das gut verstehen könnte. Piaffe würde sich wirklich genial anfühlen. Aber wenn die Frau sowas reiten wolle, müsste sie leider auch korrekt sitzen. Die schnieft und will sich absichern. Ob es denn beim Reitenlernen wirklich keine Abkürzung gäbe. Es wäre soo soo soo schwer und ihr Körper würde sich gegen sie verschwören.

Leider nicht, ist die Antwort. Wenn man reiten will, geht das nur über den korrekten Sitz. Und den kann ja nicht Frau Reitlehrerin von unten einnehmen, sondern die Frau muss das für sich selbst lösen. Jammern nützt da nix. Die Frau seufzt nochmal und behauptet, ab sofort würde sie wirklich IMMER ihre Gymnastikübungen machen. Und darauf achten, dass sie im Büro und überhaupt immer eine gute Haltung hat, damit ihr der aufrechte Gang und das alles irgendwann zur Gewohnheit wird.

Wie war das noch mit den guten Vorsätzen, die bei ihr nicht mal eine Woche gehalten haben? Faxe und ich sind da konsequenter. Auf jeden Fall geben wir uns mehr Mühe :)

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Ohne Keks kein Hopp

Die Frau will abnehmen und sich mehr bewegen. Ich hingegen habe vor, das bei unserem nächsten gemeinsamen Projekt zu vermeiden. Wir machen nämlich wieder Leckerli essen am Führseil Bodenarbeit, aber dieses Mal mit Frau Reitlehrerin. Ich bin gespannt. Von der Frau weiß ich, dass sie so sinistre und diffuse Ziele verfolgt wie: mindestens Piaffe, wenn nicht gar Levade, Arbeit in den Pilaren, Passage und Schulparade. Frau Reitlehrerin hat sie dann runtergehandelt auf Erhöhung der Motivation, Förderung des Gehorsams und gewichtslose Gymnastizierung. Das hört sich immer noch ambitioniert und anstrengend genug an, aber keine Sorge, ich kenne die Frau ja schon länger 😉

Der große Tag bricht an und wir marschieren zum Reitplatz. Ich, bekleidet mit Knotenhalfter und Longe, sie mit diversen Zubehörteilen und außer Atem, als hätte sie mich nicht nur eben warm geführt, sondern wäre von blutrünstigen Bestien 20 km durch dichtes Unterholz gejagt worden. Frau Reitlehrerin ist schon da und lächelt fein. Nachdem ich – wie es die Höflichkeit verlangt – ausgiebig begrüßt und getätschelt wurde, fragt Frau Reitlehrerin, weshalb die Frau denn die Longierpeitsche mitgebracht hätte. Das weiß die Frau auch nicht so recht. Und die Bogenpeitsche? Die Frau druckst rum. Sie hätte das schon mal auf einem Foto gesehen. Für die Piaffe wäre die doch sicherlich vonnöten. Ah ja, die Piaffe. Frau Reitlehrerin behält die Nerven und erklärt erst mal ganz nett, dass wir mit den Basics anfangen würden. Dafür würden ein schlichtes Knotenhalfter und eine normale Reitgerte völlig ausreichen. Die Frau guckt skeptisch und meckert leise, aber so, dass nur ich sie hören kann. Von wegen Basics, Piaffe wolle sie. Schließlich hätte sie ja schon lange Pferdeerfahrung, und wie man ein Pferd führt, wüsste sie mittlerweile.

Es geht los. Erste Übung: Die Frau soll mich führen und ich soll motiviert mitmarschieren. Wir machen das wie immer: Die Frau latscht mit hängenden Schultern los, den Blick fest auf den Boden gerichtet. Kurz, bevor ich am Knotenhalfter einen unangenehm starken Zug verspüre, setze ich mich lustlos in Bewegung. Frau Reitlehrerin guckt komisch und lässt uns anhalten. Die Frau bleibt folgsam stehen, ich als Vierbeiner beschließe, einen längeren Bremsweg als sie zu haben und komme ein Stück vor ihr zum Halten. Sie lobt mich. Na also, klappt doch, denke ich zufrieden.

Frau Reitlehrerin sieht es leider anders. Ich dürfte nämlich die Frau nicht überholen und müsste hinter ihrer Schulter bleiben. Wie lästig. Jetzt soll mich die Frau rückwärts auf „meine Position“ dirigieren, ohne sich selbst von der Stelle zu bewegen. Eigentlich hatten wir uns ja intern darauf geeinigt, dass da, wo ich bin, vorne ist.

Die Frau fuchtelt wild mit der Gerte herum und bleibt dabei in dem Knäuel hängen, das sie heimlich aus der einst wohlgeordneten Longe gemacht hat. Ich kenne sie ja und bin deshalb nur mäßig beeindruckt. Frau Reitlehrerin lächelt tapfer und bittet sie, erstmal die Longe zu entknoten und geordnet aufzunehmen. Nein, nicht von der Schlaufe ausgehend, sondern von dem Ende aus, an dem das Pferd hängt. Die Frau hätte es ja vielleicht auch mal mit Pferden zu tun, die nicht ganz so brav wären wie ich. Ich wusste zwar schon immer, dass ich brav bin, aber eine kleine zusätzliche Bestätigung hier und da höre ich ganz gern. Die Frau kämpft mit gefühlten 20 Metern Longe und murmelt unverständlich vor sich hin. Mir fallen die Augen zu.

So, kann weitergehen. Es geht immer noch darum, mich zu bewegen, ohne die eigene Position zu verlassen. Jetzt piaffiert trippelt die Frau auf der Stelle, um mich zum Rückwärtsgehen zu animieren. Ich finde das niedlich und könnte ihr stundenlang dabei zusehen. Frau Reitlehrerin erinnert sie daran, dass sie stehen bleiben sollte und ich mich bewegen. Frau = stehen, Pfridolin = rückwärts. Die Frau behauptet, das wäre ihr von Anfang an klar gewesen und sie hätte sich nicht gerührt. Kein Stück. Frau Reitlehrerin nickt freundlich.

Nächster Versuch: Diesmal nur zwei Schritte auf der Stelle. Fast hätte sie mich auch mit der Gerte getroffen. Ich erwache kurz aus meinem Halbschlaf.

Frau Reitlehrerin möchte mal demonstrieren, wie sie sich das vorstellt. Hui, strahlt die eine Energie aus! Sie muss eigentlich nur etwas denken und ich weiß schon, was sie meint. Jede Bewegung ist koordiniert. Dezent schwingt sie die Longe und ich marschiere folgsam auf meine Position hinter ihrer Schulter. Die Frau ist neidisch.

Als nächstes soll ich im Genick nachgeben. Mit Frau Reitlehrerins Hilfe kriegen wir das hin. So, und jetzt dynamisch im Schritt angehen! Die Frau schlurft los, ich schließe mich irgendwann an. Frau Reitlehrerin erläutert, dass die Frau energisch und aufrecht gehen sollte. Wieder diese lästige aufrechte Haltung! Die Frau strafft die Schultern und bemüht sich, Führungscharisma auszudünsten. Ich bin tatsächlich ein bisschen beeindruckt.

Jetzt wird wieder angehalten. Mir fällt ein, dass ich schon lange kein Leckerli mehr hatte, deshalb bleibe ich hinter ihrer Schulter und gucke erwartungsvoll. Es gibt ein Lob von Frau Reitlehrerin, was ziemlich cool ist, aber halt kein Keks.

Die nächste Übung ist Rückwärtsrichten. Ich stelle mich auf ein längeres Nickerchen ein. Erwartungsgemäß tanzt die Frau auf der Stelle herum und verbindet damit den irrigen Glauben, ich würde das als Signal zum Rückwärtsgehen auffassen. Frau Reitlehrerin möchte aber, dass sie selbst entschlossen rückwärts geht und mich durch ihre Energie mitbewegt. Und durch zartes Longen- und im Bedarfsfall Gertenwedeln.

Die Frau nickt und fängt wieder an, auf der Stelle herumzulaufen. Glücklicherweise merkt sie das selbst und macht jetzt zögerliche, etwa hamstergroße Rückwärtsschritte. Ich döse sicherheitshalber weiter. Frau Reitlehrerin merkt an, dass sie gern größere Schritte hätte. Und von mir eine Reaktion.

Ok. Die Frau guckt entschlossen und gibt alles. Sie macht große Schritte rückwärts und schwingt bedrohlich Longe und Gerte. Ich gehe rückwärts und habe alles richtig gemacht. Die Frau nicht, die muss nämlich das Gertenwedeln dezenter einsetzen und meine Reaktion besser beobachten. Nach mehrmaligem Üben gelingt es ihr, in großen, gleichmäßigen Schritten rückwärtszugehen und dabei zart und zielgerichtet so auf mich einzuwirken, dass wir uns weder in der Longe verheddern noch Frau Reitlehrerin sich das Lachen verbeißen muss.

Und jetzt ein Keks! Ich finde, den hab ich mir redlich verdient. Hilfesuchend sehe ich Frau Reitlehrerin an. Die ist aber überzeugte Nicht-mit-Futter-Belohnerin und kann das ab. Ich seufze. Meine innere Uhr zeigt längst Feierabend und kurz vor Abendessen an.

Aber nein, Frau Reitlehrerin hat Großes mit uns vor: Jetzt soll das Vorwärts- und Rückwärtsgehen auch auf Entfernung geübt werden, aus der seitlichen Longierposition heraus. Ich marschiere brav nebenher und halte auf Stimmkommando an. Rumstehen – meine Lieblingsübung! :) Gibt’s jetzt ein Lecker…? Nein, immer noch nicht. Schade. Vielleicht kann ich durch geschmeidiges Rückwärtsgehen punkten? Und siehe da – ich werde mit Lob und Möhrenstückchen überschüttet und Frau Reitlehrerin entlässt mich in den Feierabend. Den wohlverdienten Feierabend, sollte ich vielleicht ergänzen. Ich hab ja mal wieder die ganze Arbeit allein gemacht.

Die Frau hat sich nämlich nur ungeschickt angestellt, was sie eigentlich dauernd tut und deshalb gut kann. Das ist also nicht anstrengend für sie. Ich dagegen habe mitgedacht, den Unterricht mitgestaltet und bin deswegen toll. Dafür braucht mein Körper halt auch spezielles Aufbaufutter in Form von Leckerchen und Möhren. Ohne Keks kein Hopp 😉