Die Frau federt mit den Absätzen. Also, fast.

Die Frau federt mit den Absätzen. Zumindest theoretisch.

Neulich im Reitunterricht: Das Wetter ist schön, der Himmel lacht, sogar meine sogenannte Besitzerin guckt nicht ganz so grimmig verspannt konzentriert wie sonst. Dann lächelt Frau Reitlehrerin freundlich und kommandiert: „Antraben, aussitzen.“

Und zack, schlechte Laune. Ich setze mich trotzdem folgsam in Bewegung. Ihr kennt mich: „Stets hilfsbereit“ ist mein zweiter Vorname.

Die Frau dankt es mir nicht. Ausgerechnet Trab! Und dann noch aussitzen! Die grässliche Gangart mit dem schrecklichen Schwung!

Mit finsterem Gesicht und schlackernden Steigbügeln hoppelt sie auf meinem Rücken herum und sortiert hektisch ihre Gedanken und inneren Bilder. Kopf hoch – wie ein Luftballon. Atmen. Lächeln. Entspannen. Huch, da ist der eine Steigbügel fast weg. Das Brustbein ist an einem Fädchen aufgehängt. Daumendach. Schade, jetzt fällt die Gerte runter. Auf den Hosentaschen sitzen. Mit den Beinen ans Rückwärts-Fahrradfahren denken. Dabei nicht die Steigbügel verlieren. Mist. Steigbügel angeln. Schon wieder weg. Mist Mist. All diese Dinge kreisen durch den Hamsterkäfig, den sie ihr Gehirn nennt.

An was man alles denken muss! Sie schnauft verzweifelt.

„Ganz genau, durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen!“, ruft Frau Reitlehrerin, die das Talent hat, in allem eine positive Tendenz zu erkennen. Sicherheitshalber wiederholt sie ihr Lieblings-Mantra: „Das Bein ist lang und locker!“

Mittlerweile hat sogar meine sogenannte Besitzerin mitbekommen, dass das mehr eine Zielvorgabe als eine Beschreibung des aktuellen Zustands ist und bemüht sich, ihre kurzen Beine lang baumeln zu lassen.

Aber Frau Reitlehrerin ist noch nicht fertig: „Die Absätze federn den Schwung nach unten raus!“

„Wann gibt’s denn endlich Piaffe?“, mault meine Reiterin. „Und wie soll dieses Federn überhaupt funktionieren?“

„Das Federn hilft dir, losgelassen zu sitzen, denn es leitet den Schwung vom Pfridolin ab.“

„Wer’s glaubt“, seufzt die Frau, deren Beine alles andere als lang und locker sind, weshalb ihre Steigbügel mal wieder auf Wanderschaft gehen. „Aber wie soll dieses fucking Federn denn nun gehen?“

„Na so“, zeigt Frau Reitlehrerin, der gelegentlich der Schalk im Nacken sitzt.

„Haha, sehr komisch!“, meckert die Frau und denkt: Und dafür bezahl ich Geld! Laut sagt sie: „Was mache ich denn mit meinem Körper, damit sich der Absatz so rauf und runter bewegt?“

„Zuallererst nimmst du die Steigbügel richtig unter die Füße. Der Bügel soll unter dem Ballen liegen und zwar so, dass du auf der ganzen Breite gleichmäßigen Kontakt zum Bügel hast.“

Prima, wir stehen wieder in der Mitte rum, weil Frau Reitlehrerin die Füße der Frau richtig platziert. Ich LIEBE Reitunterricht!

„So, und jetzt lässt du den Pfridolin im Schritt angehen und rollst die Fußsohlen in den Steigbügeln langsam von vorn nach hinten ab und wieder zurück.“

Ich schlafe währenddessen, bis ich von Frau Reitlehrerins Stimme geweckt werde: „Und jetzt das Ganze seitlich – also von innen nach außen abrollen und wieder zurück.“

Ich nicke wieder ein. Huch. Frau Reitlehrerin hat etwas gesagt. „Und wie fühlen sich deine Füße jetzt an?“

Die Frau überlegt. Ich warte gespannt. „Irgendwie … größer?“, rät sie.

„Du hast also ein besseres Bewusstsein für deine Füße – prima! Dann kommen wir jetzt zu den Übungen im Trab.“

Schon wieder Trab! Die Frau schüttelt sich. So schlimm sind diese bewusstseinserweiternden Übungen im Schritt eigentlich doch nicht.

Frau Reitlehrerin erklärt den Übungsablauf: „Zuerst trabst du im leichten Sitz eine halbe Runde, trabst dann eine halbe Runde leicht und sitzt danach eine halbe Runde lang aus.“

„Zirkel oder ganze Bahn?“, fragt die Frau bang. Ganze Bahn ist so lang, Zirkelrunden angenehm kurz.

„Zirkel“, entscheidet Frau Reitlehrerin gnädig.

Ich trabe an und laufe wie ein Karussellpony um Frau Reitlehrerin herum. Die Frau stört grad nicht, die ist mit ihren Sitzübungen beschäftigt. Da gerät der Zirkel sogar annähernd kreisförmig.

„Beim Aussitzen denkst du natürlich an das Rückwärts-Fahrrad-Fahren“, erinnert Frau Reitlehrerin.

„Natürlich“, lügt die Frau.

„Und jedes Mal, wenn du den Abwärtsschwung beim Fahrradfahren machst, stupst du den Absatz nach unten.“

„Geht grad nicht, bin im leichten Sitz“, erwidert meine Reiterin, der die Übung zusehends Spaß macht. Wundersamerweise wird sie auch deutlich lockerer. Ah, jetzt – leichttraben! Ihre Augen verengen sich zu messerscharfen Schlitzen und ihre Kiefer mahlen entschlossen. Sie kickt die Absätze nach unten, als wären da reißende Raubtiere, die ihr die Stiefel vom Bein klauen wollen.

„Locker nach unten stupsen. Nicht kicken, dann verspannst du dich. Ganz locker aus der Hüfte abwechselnd die Absätze nach unten stupsen“, erklärt Frau Reitlehrerin, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist.

Der kann man es auch nie recht machen, denkt die Frau verbiestert, konzentriert sich auf wundervolle positive Gedanken und bereitet sich mental auf die Aussitz-Zirkelrunde vor. Links, rechts. Stups, stups.

„Ganz genau!“, jubelt Frau Reitlehrerin.

Stups, stups, stups, stups. „Das ist ja einfach!“, jubelt nun auch die Frau, die sich sitztechnisch wie 100 Jahre Wiener Hofreitschule fühlt und immer weiter traben will. Sehr zu meinem Leidwesen. Aber eine Frage hat sie noch: „Und wann kommt jetzt die Piaffe?“

Und da fällt auch Frau Reitlehrerin nichts mehr zu ein.

„Du hast mir ins Atmen gequatscht!“

Kann nur atmen, wenn sie sich konzentriert: Die Frau

Neulich im Reitunterricht: Die sogenannte Besitzerin sitzt auf mir rum. Ihre Beine sind lang und locker, der Rücken gerade (kein Hohlkreuz!), der Unterkiefer ist entspannt (ihrer und meiner). Sogar an das Daumendach auf den weichen Zügelfäusten hat sie gedacht. Außerdem ist ihre Gehirnaktivität ungefähr bei null, was ich sehr angenehm finde. Dann werde ich wach und setze mich in Bewegung, weil ich Frau Reitlehrerin sehe und sie begrüßen will. „„Du hast mir ins Atmen gequatscht!““ weiterlesen

„Achtung, da reit ich immer lang!“

Ja, so ist sie, meine sogenannte Besitzerin. Flexibel wie eine Bahnschwelle und mindestens genauso beweglich.
Es fängt schon damit an, dass alles immer in der gleichen Reihenfolge gemacht werden muss. Bei der kleinsten Abweichung von der täglichen Routine wird sie komplett wuschig.

Zum Beispiel gehen wir zu Beginn der Reitstunde immer zwanzig Minuten Schritt. Auf dem zweiten Hufschlag. Ganze Bahn.
Immer.

Ich weiß ja nicht, wie das bei euch so ist, aber mir schalten sich die Synapsen schon ab, wenn ich die Reithalle nur von weitem sehe.
Während die Frau den zweiten Hufschlag dadurch markiert, dass sie eine Bob-Bahn in den ansonsten makellosen Sand fräst, guckt sie streng geradeaus.

Aufmerksamkeit ist wichtig und Reiten eine ernste Angelegenheit, vor allem, wenn man so profilneurotisch ist wie sie. Wenn es einen Pokal für die langweiligste Aufwärmeinheit ever gäbe, würde sie ihn gewinnen. Jeden Tag aufs Neue.

Und Gnade Gott dem armen Wurm, der so leichtsinnig ist und es wagt, ihren immergleichen Weg zu kreuzen. Schließlich reitet sie da IMMER lang, das dürfte sich ja mittlerweile herumgesprochen haben.
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Zwischen Krampf und Koma – die Frau wackelt mit den Zehen

Die Frau federt mit den Absätzen. Zumindest theoretisch.

Da kennen wir uns nun schon so lange, aber sie überrascht mich immer noch. Die Rede ist von der Frau, meiner sogenannten Besitzerin. Aber ich glaube, sie hat selbst gestaunt.

Und passiert ist es – natürlich – im Reitunterricht. Da hat die Frau ja oft verwirrende Begegnungen mit sich selbst.

Wir eiern also verspannt auf dem Hufschlag herum, die Frau mit Hohlkreuz, hochgezogenen Knien und Eisenfäustchen, mit anderen Worten: im Dressurqueen-Modus. Ein geheimer Kummer scheint sie zu plagen, denn ihrer Brust entrinnen mehrere Seufzer. Meiner allerdings auch. Aber ich kenne sie ja und weiß, dass sie für gewöhnlich aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht. Da erscheint auch schon Frau Reitlehrerin, die alles weiß und vor allem alles erklären kann.
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Keine Piaffe

Ein liegendes Pferd, das lächelt

Keine Piaffe. Noch nicht mal ein Trippeln auf der Stelle. Keine graziösen Traversalen oder Serienwechsel. Und dann noch dieser unbequeme Trab. Warum ist dieses Reiten bloß so scheißschwierig?, fragt sich die Frau stellvertretend für alle Mitleidenden und schiebt eine schwere Sinnkrise. Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, kommt auch noch Frau Reitlehrerin dazu.
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Hau sie welche, die Sau!

Eine Reiterin

Waldini kennt ihr ja schon. Das ist der, für den die Welt meistens auf dem Kopf steht, weil ihn seine Besitzerin, die ich liebevoll auf den Namen Frau Rollkur getauft habe, genauso reitet. Bei ihrem garstigen Tun wird sie von ihrer Bereiterin unterstützt, die Waldini regelmäßig reitet, „um ihn weiter zu fördern“. Wobei auch sie Waldinis Nase nicht weiter runterziehen kann als bis zur Brust. Komischerweise treten die Hinterbeine dabei aber nicht weiter unter. Verrückt.
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Valegros Schwippschwager

Ein trabendes Pferd

Bei uns im Stall ist ein neues Pferd. Waldini heisst er und ist ein Turnierpferd. Das sagt jedenfalls seine Besitzerin. Ihren Namen kann ich mir nicht merken, weshalb ich sie der Einfachheit halber Frau Rollkur nenne. Waldini ist immer in seiner Box, seit er einmal auf der Weide einen Freudenausbruch hatte und beim Bocken aus Versehen ein Hufeisen verlor. Frau Rollkur war nämlich gar nicht darüber erfreut, dass der Schmied nicht sofort und auf der Stelle Zeit für sie hatte (in dem Punkt ähnelt sie der Frau. Die nimmt auch immer alles persönlich.).
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Slow Riding

Der Lutschi lächelt in die Kamera

Slow Food kennt ihr, oder? Halt das Gegenteil von Fast Food. Aber kennt ihr auch Slow Riding? Nein? Dachte ich mir. Das ist nämlich eine Erfindung der Frau, die mit der Behauptung, der Lutschi wäre nicht langsam, sondern versammelt, nicht durchgekommen ist. Der Lutschi, der eigentlich Lucero heißt und unser spanisches Mähnenwunder ist, wird so genannt, weil er seine Umgebung vornehmlich mit dem Maul erkundet – er isst alles, was er findet, und was er nicht essen kann, wird zumindest angeknabbert, die Frau eingeschlossen. Sie ärgert sich dann zwar immer, aber wenn er sie mit seinem grenzdebilen Dackelblick anschmachtet, ist alles vergeben und vergessen.
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Die Frau hat Hände – und irgendwie hängen die Schultern auch mit dran

Hände, die Zügel halten. Außerdem im Bild: eine Schabracke in Pink.

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit hat die Frau die Hoffnung auf Piaffe und Passage noch nicht aufgegeben. Neulich im Reitunterricht, als es grad mal wieder nicht so lief, wie sie das wollte (das passiert ja eigentlich dauernd, aber sie kann sich einfach nicht daran gewöhnen), fragte sie Frau Reitlehrerin mit ihrem schönsten Dackelblick, wann es denn endlich an die höheren Lektionen ginge. Das mit dem feinen Reiten hätte sie ja schon ganz gut drauf, da könnte man doch wirklich mal an die Piaffe denken. Sie würde schon so lange reiten, da wäre die doch mittlerweile fällig.

Außerdem ist sie natürlich neidisch auf den Mann, der noch nicht so lange reitet wie sie und schon Traversalen kann. Sie würde das aber nie zugeben 😉

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