Daisy hat schlechte Laune. Daisy ist eine Hannoveranerin und an und für sich ein kleiner Sonnenschein. Außer, wenn sie sich mit Sattel und Reiter wälzen will. Oder wenn sie andere angiftet, egal, ob Mensch, Tier, Pflanze oder Mineral. „So eine Zicke“, sagt ihre Besitzerin dann. „Die stellt sich vielleicht an!“
Manchmal stellt Daisy auf dem Gruppenpaddock ein anderes Pferd in die Ecke und verhaut es. „Die braucht vielleicht selber auch mal Kloppe, die olle Zicke“, sagt ihre Besitzerin.
Wenn Daisy sich nicht satteln lassen will, sagt ihre Besitzerin: „Bei der Daisy muss man sich einfach durchsetzen. Das ist alles Anstellerei.“ Dann wird ein bisschen rumgebrüllt und irgendwann kann man den Sattel angurten. „Seht ihr, alles Anstellerei.“
Ansonsten ist die Daisy aber ein ganz normales Pferd. Gut, ein bisschen dünn ist sie. Beim Futter ist sie sehr wählerisch und frisst generell wenig. „Weil sie so mäkelig ist und weil der feinen Dame nichts gut genug ist“, sagt ihre Besitzerin. Außerdem gähnt sie viel, flehmt oft und knirscht mit den Zähnen, die olle Zicke.
Frau Reitlehrerin guckt sich das eine Zeitlang an und fragt dann: „Kann es sein, dass deine Daisy ein Problem mit dem Magen hat?“
„Nö. Die stellt sich nur an. Magenproblem, ts. Ich hab Magenprobleme, weil ich mich so über mein Pferd ärgere!“
„Und wie ist das so? Tut sehr weh, stimmts?“
„Mhm.“ Frau Daisy nickt.
„Und macht schlechte Laune, oder?“
„Frag nicht“, knurrt Frau Daisy.
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„Wenn ich mir vorstelle, ich hätte großen Hunger und könnte nichts essen, weil die Magenschmerzen davon schlimmer werden…“, sinniert Frau Reitlehrerin.
„Ja genau! Woher weißt du das? Hast du auch Magenschmerzen?“
„Nein, aber ich kann mir vorstellen, wie das ist. Geh damit doch mal zum Arzt, man kann das gut behandeln. Es gibt da sehr wirksame Medikamente, mit denen man nicht nur an den Symptomen rumdoktert, sondern sich um die Ursache kümmert. Nahrungsaufnahme ist ja existenziell, das ist für den Körper kein gutes Gefühl, wenn das nicht mehr schmerzfrei funktioniert.“
Frau Daisy fühlt sich verstanden. Endlich jemand, der weiß, wie sie leidet! „Das ist für ein Pferd sicher auch kein schönes Gefühl“, sagt sie nach einer nachdenklichen Pause.
„Sicherlich nicht. Der Pferdemagen ist ja auf ständige Nahrungsaufnahme eingerichtet, um die Magensäure runterzupuffern. Da kann man sich vorstellen, wie weh es tut, wenn das nicht mehr möglich ist.“
Frau Daisy guckt verständnislos.
Frau Reitlehrerin übersetzt: „Im Gegensatz zum Menschen produziert der Pferdemagen rund um die Uhr Magensäure, unabhängig davon, ob gerade Futter im Magen liegt oder nicht. Weil der Pferdemagen zwei Teile hat, wovon der eine vor Magensäure nicht geschützt ist, kann der Überschuss an Magensäure zum einen die Magenschleimhaut schädigen und zum anderen zu Magengeschwüren führen. Deshalb benötigt das Pferd ausreichende Mengen an Rauhfutter, also Heu. Denn beim Kauen von Heu wird im Vergleich zum Kauen von Kraftfutter viel mehr Speichel produziert. Der Speichel hat eine Art Pufferwirkung auf die Magensäure, indem das darin enthaltene Bikarbonat den Säuregehalt quasi verringert. Das ist jetzt laienhaft formuliert, wenn du es genauer wissen willst, müsstest du den Tierarzt fragen.“
Aber Frau Daisy will es nicht genauer wissen, sie steht nämlich vor einer Erkenntnis. „Ach. Meinst du, der Daisy geht es so wie mir?“
„Das könnte ich mir vorstellen“, formuliert Frau Reitlehrerin diplomatisch. „Und ich könnte mir auch vorstellen, dass es eine gute Idee ist, den Tierarzt da mal draufgucken zu lassen. Daisy zeigt die typischen Symptome eines Pferdes mit schmerzhaften Magenproblemen.“
„Dann ist sie in Wirklichkeit gar keine Zicke und stellt sich auch nicht an?“
„Wahrscheinlich nicht.“
„Ach.“ Frau Daisy guckt nachdenklich. „Kannst du mir vielleicht mal die Nummer vom Tierarzt geben?“
Bild: Pexels, Balazs Simon
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