„Dieses gebisslose Reiten ist so toll und pferdefreundlich“, schwärmt die Frau, meine sogenannte Besitzerin. „Guck mal, hier!“ Sie steht gerade an meiner Box und hält Frau Reitlehrerin ihr Handy hin. Frau Reitlehrerin hat ja die geheime Superkraft, überall da zu sein, wo es spannend wird. Auf dem Handy läuft gerade ein Video, in dem ein schickes, teures Pferd mit Halsring geritten wird. Aber komisch, Kopf und Hals sind eingerollt und der Nasenrücken ist meilenweit hinter der Senkrechten. Frau Reitlehrerin guckt kritisch.
„Sicher nur eine Momentaufnahme“, meint die sogenannte Besitzerin.
Ein Moment vergeht, der zweite Moment vergeht und auch nach einer Minute ist der Nasenrücken keinen Millimeter nach vorn gekommen.
„Da könnte man doch denken, dass dieses Pferd gewohnheitsmäßig gerollkurt wird und dass ihm die dadurch erzwungene Kopf-Hals-Haltung so in die Synapsen zementiert wurde, dass es gar nicht auf die Idee kommt, anders zu laufen“, sinniert Frau Reitlehrerin. „Stichwort Erlernte Hilflosigkeit.“
Es folgt eine Pause, in der die Frau, die mit so viel Input nix anfangen kann, in der Gegend herumguckt.
Frau Reitlehrerin erinnert sich an ihren pädagogischen Auftrag. „Aber ansonsten ist gebisslos natürlich eine feine Sache.“
„Genau“, strahlt die sogenannte Besitzerin. „Guck mal, hier ist noch ein Video.“
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Frau Reitlehrerin guckt. Dieses Mal sieht sie ein Pferd mit Westernsattel, ohne Kopfstück, aber mit einem ledernen Halsriemen, der wie ein Halsring verwendet wird. Also theoretisch. Praktisch hat der Lederriemen innen Metallstifte, die ähnlich wie ein Stachelhalsband wirken. Die Reiterin erklärt, warum diese Konstruktion wunderbar pferdefreundlich ist.
„Dein Ernst?“, sagt Frau Reitlehrerins Blick, bevor sie ihr pädagogisches Lächeln wiederfindet und der sogenannten Besitzerin erklärt, dass auch Ausrüstungsgegenstände, die von außen pferdefreundlich wirken, ein tierquälerisches Innenleben haben können. Weshalb man immer – IMMER!- zweimal hingucken muss, bevor man etwas beurteilt. Manchmal auch dreimal.
Das sieht die Frau ein. Beim Reiten ist ja generell alles schwierig. Bestimmt ist es beim Fahren einfacher. „Guck mal, hier! Ein Viererzug“, ruft sie, als das Handy das nächste Video zeigt. „Wie romantisch! Und wie schön die Pferde laufen, wie zu Sisis Zeiten!“
Die Pferde laufen mit deutlicher Aufrichtung und viel Knieaktion. Für Hackneys vielleicht nicht ungewöhnlich, für Haflinger aber schon. Weshalb Frau Reitlehrerin genauer hinguckt und fündig wird.
„Guck mal, hier, ein Overcheck“, zeigt sie. „Die Pferde laufen nicht freiwillig mit so einer Mords-Aufrichtung, die können schlicht nicht anders, weil sie der Overcheck daran hindert, den Hals zu senken.“
„Sowas gibt es?“ Die sogenannte Besitzerin ist entsetzt.
„Sowas gibt es. Früher hieß es Aufsatzzügel und kam schon bei Black Beauty vor.“
Die Frau erinnert sich. „Das hab ich als Kind gelesen“, fällt ihr ein. Damals, irgendwann im 18. Jahrhundert. „Und das gibt es immer noch?“
„Tierquäler gibt es ja auch immer noch“, erklärt Frau Reitlehrerin. „Und deshalb musst du immer zweimal, am besten dreimal hingucken, um zu erkennen, ob etwas pferdefreundlich ist oder nicht.“
Die Frau nickt entsetzt und hält mir die Augen zu, damit ich nicht noch was Schreckliches auf ihrem Handy sehe. Ich mache mein niedliches Keks? – Gesicht und es gibt Kekse. Ich mag es, wenn Frau Reitlehrerin der Frau etwas erklärt.
Und ihr wisst jetzt auch Bescheid. Die Welt ist schlecht und alle sind böse, außer Frau Reitlehrerin. Und der Frau, wenn sie Kekse hat 😉
Fußnote: Das Buch ist von 1878. So lange ist also schon bekannt, wie sehr dieses unselige Ding Pferde daran hindert, schwere Lasten halbwegs vernünftig zu ziehen.
Bild: Pixabay
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