Die Frau will zurück zur Natur

Die Frau will mal wieder ihr Leben ändern und zurück zur Natur. Sie hat ja letztens schon festgestellt, dass sie ein Naturtalent ist. Was liegt also näher, als da noch einen draufzusetzen und alles Unnatürliche aus ihrem (und unserem) Leben zu verbannen?

Es fing eigentlich ganz harmlos an, und zwar mit selbstgebackenen Pferdeleckerli voller gesunder und naturbelassener Zutaten. Liebevoll zusammengerührt und eigenhändig im Backofen bis zur Ungenießbarkeit verbrannt. Tolerant, wie wir nun einmal sind, haben der Lutschi und ich das sonderbare Backwerk gegessen und uns innerlich für das gewappnet, was da noch kommen sollte. Und es war einiges.

Zunächst einmal der selbstgebastelte Halsring aus so kratzigem Sisal, dass noch nicht einmal sie selbst ihn benutzen wollte. Der einzige, der etwas damit anfangen konnte, war der Lutschi, der vor nix fies ist und sich daran geschubbelt hat.

Als nächstes kam das selbst gehäkelte Knotenhalfter aus biologisch abbaubarem Hanf. Schon vom Anschauen hab ich Ausschlag bekommen.

Danach hieß es: Weg mit den quietschbunten Schabracken! Ade, wild gemusterte Abschwitzdecken und hallo, Omas Wolldecke! Dieses Mal zum Glück nicht selbst geklöppelt. Man freut sich ja schon über Kleinigkeiten.

Wobei die Frau darauf besteht, das lappige Ungetüm „Woilach“ zu nennen. Es wäre total naturnah, weil aus Wolle, und sehr traditionell. Überhaupt hätte man schon immer Wolldecken als Sattelunterlage genommen. Oder stattdessen.

Aber ich greife vor.

Anscheinend ist es bei so einem Woilach sehr, sehr wichtig, dass er richtig und ordentlich gefaltet ist. Wie wir mittlerweile alle ahnen, hat unser naturnahes Frauchen zwei linke Hände. Es folgten zwei Stunden ungeschicktes Deckenzusammenlegen, kombiniert mit heftigem Fluchen. Dummerweise hat so ein Woilach nämlich ein Eigenleben und neigt dazu, sich klumpig zusammenzufalten und/oder ständig in den Dreck zu fallen.
Was nun? Zurück zu den den pinken Schabracken? Die Blöße will sie sich nicht geben.

Aber wieso eigentlich eine Sattelunterlage?

Wieso überhaupt ein Sattel?

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Schließlich ist die Frau ein Naturtalent und kann schon aus dem Grund wie Winnetous Schwester reiten. Außerdem haben die Naturvölker auch immer Pferde gehabt und sind ohne Sattel geritten, jawohl! Rückenschonend hin oder her, zurück zur Natur ist die Devise. Dass die einzigen Naturvölker, die die Frau kennt, die Indianer aus dem Fernsehen sind, stört sie dabei wenig.

Frau Reitlehrerin kann sie dann doch davon überzeugen, dass auch ein Fellsattel gewisse Vorzüge hat. Zum einen bietet er mehr Halt, so dass sie sich nicht dauernd kreischend in meine Mähne krallen muss, zum anderen ist es wenigstens ein kleines Polster für ihr ungleichmäßig verteiltes Gewicht. Und zum allergrößten Glück ist sie so hüftsteif, dass sie auf Trab und Galopp verzichtet. Natürlich nur, „weil sich Pferde in der Natur überwiegend im Schritt fortbewegen“. Und Reiter tragen sie dabei auch? Ja nee, is klar.

Wenigstens die Regendecken hat sie uns gelassen. Trotz schwerster Bedenken, weil „wir ja nicht aus Zucker sind“ und „schon mal einen kleinen Schauer“ vertragen können. Frau Reitlehrerin hat aber so ganz nebenbei bemerkt, dass sich sogar Wildpferde bei Regen unterstellen, und die würden – Überraschung! – nicht geritten. Im Gegensatz zum Lutschi und mir, die keinen eigenen Wald als Regenschutz haben und die Frau auf uns herumschleppen müssen.

Pferdewissen & Lesestoff *

Damit war die Sache aber noch nicht zu Ende.

Als Nächstes drehte sie sorgenvolle Runden um den Lutschi und mich, die Stirn gefurcht und den Blick sorgenvoll nach unten gerichtet. Dann Kopfschütteln. Seufzen. Noch mehr Kopfschütteln.

„Ts, ts, ts, das geht ja gar nicht.“ Kopfschütteln. „Völlig gegen die Natur.“
„Was denn?“, fragt Frau Reitlehrerin.
„Na, diese Hufeisen! In der Natur tragen Pferde sowas auch nicht. Weg damit!“
Frau Reitlehrerin gibt zu bedenken, dass es in der Natur auch keinen Asphalt oder sonstwie befestigten Boden gäbe, über den Pferde laufen müssten. Noch dazu mit Gewicht auf dem Rücken.
„Ach was, jedes Pferd kann barfuß laufen!“, erklärt unsere naturbesessene Besitzerin.
Das sieht Frau Reitlehrerin anders und erklärt, dass man das individuell beurteilen müsse. Es käme dabei auf das Sohlengewölbe an und auch auf das Hufwachstum. Auch die Bodenverhältnisse seien wichtig. Bei manchen Pferden sei der Abrieb einfach stärker als das, was nachwachsen würde.
Das ist der Frau, die sich bei längeren Wörtern schnell langweilt, zu viel technischer Input. Sie schmollt.

Um sie aufzuheitern, tritt ihr der Lutschi auf den Fuß. Das bringt sie nämlich zuverlässig auf andere Gedanken.

Und siehe da, es wirkt. Nach ein paar bösen Blicken und Worten erklärt sie, wir wären ohnehin zu unsensibel für ihre Weltverbesserungspläne. Weshalb sie sich jetzt mit Yoga und Meditation beschäftigen wolle, und zwar in der Abgeschiedenheit ihres trauten Heims, also ohne uns. Wir wären nämlich eine ignorante Bande und hätten sowieso keine Ahnung.

Und da hat sie ausnahmsweise sogar recht.

Zum Weiterlesen: Ganz viele Infos zum Thema „Kann mein Isi barhuf laufen?“ findet ihr bei Karo von den Pferdefreunden. Und nein, der Text passt nicht nur zu Isis, sondern auch zu allen anderen Pferden 😉

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