Ist kaputt, kann weg

„Guck mal hier, ein Pe-Err-Eh*. Ganz in der Nähe. Und gar nicht teuer.“ Die sogenannte Besitzerin guckt wieder Pferde-Anzeigen im Handy. Wahrscheinlich, um mich damit unter Druck zu setzen. Also ich nenne das Psychoterror. Oder zumindest Mobbing. „Aber er hat einen Sehnenschaden. Fast ausgeheilt, steht da.“ Sie liest weiter. „Da steht aber auch, dass er das Herzenspferd ist. Und so unfassbar lieb und gutmütig, dass es der Verkäuferin das Herz bricht, ihn wegzugeben. Awwww. Wie traurig. Er könnte doch zu uns ziehen, wir sind schließlich reich.“

Was sie damit meint und was dem Mann sofort klar ist: Wenn wir von Knäckebrot und Wasser leben und uns eine günstigere Wohnung suchen, kann Pferd Nummer Drei gern in den Luxus-Pensionsstall ziehen, in dem unsere beiden anderen Luxusgeschöpfe wohnen. Für die wir mehr Geld ausgeben als für den eigenen Lebensunterhalt.

„Awwwww“, sagt sie nochmal, um sein Herz zu erweichen. „Und guck, zwanzig Jahre ist er und bedingt reitbar. Wie lieb er guckt!“

Der Mann ist nicht überzeugt. Macht nichts, die Frau ist schon bei der nächsten Anzeige. „Mein Seelengefährte sucht ein neues Zuhause, weil ich ihm nicht mehr gerecht werden kann.“ Der Seelengefährte hat nämlich mehrere chronische Erkrankungen, die mit teuren Medikamenten behandelt werden müssen. Außerdem ist er zehn, ungeritten, an guten Tagen halfterführig und Hengst. „Aber die Verkäuferin und er haben eine magische Verbindung und ich spüre, dass ich die auch habe. Stell dir das nur vor – ich heile ihn und er ist dann furchtbar dankbar und tut alles für mich. Hach!“

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„Und wie machst du das?“, erkundigt sich der Mann.

„Mit der Kraft meiner Gedanken und mit unserer magischen Verbindung, die sich gerade aufbaut.“

Der Mann ist skeptisch. „Auf die Entfernung?“

„Es ist eben Magie. Die klappt auch über weite Strecken.“ Die Frau ist beleidigt. „Oder der hier: Seelenpferd, gerade fünfundzwanzig geworden, sucht neue Wirkungsstätte. Bis M-Dressur ausgebildet, seit ein paar Jahren im Vorruhestand, müsste also wieder angeschoben werden, aber er fühlt sich nicht ausgelastet und möchte geritten werden. Der kostet auch nicht viel. Mit dem könnte ich Piaffe reiten – hach!“

Wer sie nicht kennt: die sogenannte Besitzerin hat einen amtlichen Piaffe-Fimmel. Das weiß auch der Mann und erkundigt sich deshalb: „Wieder angeschoben werden, was heißt das genau?“

„Das heißt, er muss erstmal wieder aufgebaut werden. Kondition und Muskulatur und so.“

„Und woher weiß man, dass er gern wieder geritten würde, wenn er keine Muskeln und keine Kondition hat? Fünfundzwanzig ist ja auch ganz schön alt.“

Aber mit solchen Nebensächlichkeiten hält sich die sogenannte Besitzerin nicht auf. Sie scrollt stattdessen weiter zur nächsten Verkaufsanzeige. „Oder guck mal, der hier. Der ist Ekzemer und hat periodische Augenentzündung, was aber mit Decke und Augentropfen problemlos gemanagt werden kann. Voll traurig, hier steht, dass er das Herzenspferd ist und eine wunderbare Seele hat und dass er nur ganz schweren Herzens verkauft wird.“

Der Mann hat mehrere Fragezeichen auf der Stirn. „Ekzemer, was heißt das?“

„Das heißt, er hat Sommerekzem. Das ist eine allergische Reaktion auf Insektenstiche und äußert sich in starkem Juckreiz.“ Was sie nicht sagt: Und meistens kratzen sich die Pferde blutig, weil es halt so abartig juckt.

„Und periodische Augenentzündung?“

„Das ist eine Augenkrankheit, die unbehandelt zur Erblindung führt.“ Das klingt nicht sehr beruhigend.

„Aha. Und warum werden all diese Herzenspferde und Seelengefährten verkauft? Das müssen ja immer tragische Umstände sein. Bei jedem steht, dass er schweren Herzens verkauft wird.“

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Aber so jemand ist die sogenannte Besitzerin nicht. Sie hat schon wieder ein armes Pferd entdeckt. „Der hier ist aber wirklich arm. Kleiner Onkel, eine kinderliebe Seele, hat zwanzig Jahre lang in einer Reitschule gearbeitet und groß und klein das Reiten beigebracht. Jetzt ist er neunundzwanzig und kann leider aus Kapazitätsgründen nicht mehr bei uns bleiben, was uns allen das Herz bricht.“

„Weil er nicht mehr im Schulbetrieb mitlaufen kann, alt ist und deshalb weiches Futter braucht und deshalb aus Kostengründen entsorgt werden muss“, vermutet Frau Reitlehrerin, die zufällig gerade vorbeikommt. „Genau wie all die anderen Herzenspferde, die leider, leider verkauft werden müssen, weil man keine Lust mehr auf sie hat, weil sie keinen Spaß mehr machen oder nur noch Geld kosten. Oder bei denen man sich nie die Mühe gemacht hat, sie gescheit auszubilden, damit sie eine Chance im Leben haben. Zehn Jahre, Hengst und meist nicht halfterführig, da ist doch abzusehen, dass das kein gutes Ende nimmt.“

Jetzt hat es auch die sogenannte Besitzerin verstanden. „Ganz mies und scheinheilig ist das. Und eine Schweinerei den Pferden gegenüber. Die haben das nicht verdient, dass man sie abschiebt, wenn sie alt und krank sind. Oder man sich nie um sie gekümmert hat.“

Und da sind wir ausnahmsweise mal alle einer Meinung. Ich hab sicherheitshalber nochmal nachgefragt: Die Frau und der Mann sagen, wir haben eine Lebensstellung und bleiben zusammen ♥️

Ich erzähl aber trotzdem weiter überall herum, wie es bei uns so zugeht, weil: Mit so viel Harmonie kann ich nicht umgehen 😛

* Sie meint einen PRE, einen Spanier also.
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