Ungern geschehen

„Morgen fahr ich in Urlaub und hab noch keinen Plan, wie der Pauli versorgt werden soll“, beklagt sich seine Besitzerin.
„Kein Problem, ich helfe gern“, strahlt die Frau, unsere sogenannte Besitzerin. Die heißt so, weil sie immer auf mir und dem spanischen Mähnenwunder rumsitzt und das für Reiten hält. Seit neuestem hat sie soziale Kompetenzen, was ungewohnt und unheimlich ist.
„Wirklich?“, strahlt Frau Pauli und zählt nach und nach um die fünftausend Dinge auf, die während ihrer Abwesenheit mit Pauli gemacht werden sollen, angefangen von komplizierten Futtermischungen bis hin zu detaillierten Bewegungsanweisungen.
Die sogenannte Besitzerin seufzt leise, lächelt tapfer und notiert die umfangreiche To-Do-Liste.

„Ach, und bei mir zuhause die Katze füttern auch. Und das Katzenklo ausmisten“, fällt Frau Pauli noch ein. Die Frau nickt und entfernt sich, bevor sie noch zur Urlaubsvertretung an Frau Paulis Arbeitsplatz vergattert wird.
Sieh an, sie lernt, denke ich mir und überlege, ob sie vielleicht von Aliens entführt und umprogrammiert wurde.
Aber egal, sie putzt und sattelt mich, wir gehen auf den Platz, das Wetter ist schön und das Leben auch. In der folgenden Woche hat sie nicht ganz so viel Zeit für mich, weil sie Pauli versorgt. Ist aber ok, zum Ausgleich kümmert sich der Mann um mich, mit anderen Worten: Wir gehen spazieren und grasen. Wegen mir braucht Frau Pauli nicht wieder zu kommen.

Tut sie aber doch und freut sich sehr, dass alles so gut geklappt hat. Wobei – die Wohnung sieht laut Frau Pauli schlimm aus. Da war der Katze wohl langweilig.
„Hast du denn nicht mit ihr gespielt?“, fragt sie.
Nein, hat die sogenannte Besitzerin nicht, weil sie in der Zeit Pauli bewegt hat.
„Aber davor oder danach hättest du doch gekonnt…?“
„Nein.“
„Nein?“
„Nein.“

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„Um eins wollte ich dich aber noch bitten. Morgen ist ja mein erster Arbeitstag, und da muss ich irre viel aufarbeiten, was liegengeblieben ist. Morgen kommt aber auch der Schmied für Pauli. Könntest du vielleicht den Pauli beim Schmied vorstellen und ihn bezahlen? Geld schick ich dir per Paypal.“
„Na gut.“
„Um zehn kommt der.“
„Um zehn? Da muss ich mir ja frei nehmen.“
„Ja, wenn du so lieb wärst?“

Die Frau hat ja nun zugesagt und kommt gefühlt aus der Nummer nicht mehr raus. Zähneknirschend bestätigt sie: Morgen, zehn Uhr.
Am nächsten Tag um zehn steht sie im Stall. Weit und breit kein Schmied. Nach einer halben Stunde Wartezeit ruft sie Frau Pauli an.
„Ach, hatte ich dir das nicht gesagt? Vierzehn Uhr. Nicht zehn. Das hast du falsch verstanden.“
Die Frau hat mächtig Blutdruck, aber andererseits frei, weshalb sie das spanische Mähnenwunder und mich bespaßt, um dann zum Mittagessen nach Hause zu fahren. Punkt vierzehn Uhr ist sie wieder da. Kein Schmied. Wieder ein Anruf bei Frau Pauli.
„Doch nicht heute, morgen ist das“, lacht die. „Das hast du sicher falsch verstanden.“

Nein, da ist sich die sogenannte Besitzerin ganz sicher. Das hat sie genau richtig verstanden. „Und deshalb kannst du das morgen schön selber machen“, teilt sie Frau Pauli mit.
Die ist sauer. „Dich frag ich nie mehr um Hilfe!“
„?“
Frau Pauli, inzwischen richtig stinkig: „Das bist du jetzt selbst schuld. Nie mehr frag ich dich um Hilfe!“
„Aha“, staunt die Frau.
„Da wirst du schon sehen, was du davon hast.“
Die sogenannte Besitzerin ist sich keiner Schuld bewusst, lächelt freundlich und verabschiedet sich mit „Ungern geschehen!“

Und ich weiß ja nicht, was da passiert ist, dass aus der Piaffe-süchtigen Besitzerin so ein kluger Mensch geworden ist, aber ich finde das gar nicht schlecht. Nur die sozialen Kompetenzen sollte sie vielleicht mal vom Arzt behandeln lassen.

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