Auf dem falschen Fuß erwischt

„Umsitzen!“ ruft Frau Reitlehrerin, während die Frau und ich leichttrabend um sie herumkringeln. Auf die besonders eckige Art, die unsere Zirkel auszeichnet.

„Gar nicht!“, ruft die Frau fröhlich. Die Frau und gute Laune im Reitunterricht? Merkwürdig. Das denkt auch Frau Reitlehrerin und will der Sache auf den Grund gehen.

„Auf welchem Fuß trabst du denn leicht?“, erkundigt sie sich.

„Auf dem richtigen“, strahlt die sogenannte Besitzerin.

„Und wo ist der?“, hakt Frau Reitlehrerin nach.

„Irgendwo da unten“, antwortet die Frau und deutet mit dem Kopf gen Hallensand.

„Genauer weißt du es nicht?“

„N-n“, ist die Antwort.

* Mein neues Buch- mit ganz vielen Frau Reitlehrerin-Geschichten!

„Guck mal auf die Schultern vom Pfridolin. Da vorne, vor dem Sattel.“

Die Frau macht einen Buckel und starrt mit zusammengekniffenen Augen adlerartig nach unten.

„Welche Schulter geht zurück, wenn du einsitzt?“

„Die innere“, findet meine Reiterin nach viel Gucken und Überlegen heraus.

„Genau. Du sitzt also ein, wenn das innere Vorderbein auffußt. Du kannst dich übrigens wieder gerade hinsetzen.“

Ach so. Die Frau richtet ihren Oberkörper auf.

„Wie ist denn die Fußfolge im Trab?“

„Diagonal“, antwortet die Frau wie aus der Pistole geschossen.

„Sehr gut!“, lobt Frau Reitlehrerin. „Wenn das innere Vorderbein auffußt, fußt welches Hinterbein zeitgleich auf?“

„Das äußere?“, rät die Frau.

„Großartig!“, jubelt Frau Reitlehrerin. „Du trabst also gerade auf welchem Hinterbein leicht?“

„Auf dem äußeren.“

Ihr wisst das ja schon alles, aber die Frau hat bekanntlich die Aufmerksamkeitsspanne einer unkonzentrierten Eintagsfliege und ein ebenso gutes Gedächtnis. So ist jeder Tag für sie voller aufregender Neuigkeiten.

„Sehr gut erkannt“, motiviert Frau Reitlehrerin die sogenannte Besitzerin, ihr Gehirn nicht wie sonst direkt auszuknipsen, sondern weiter zuzuhören. Sie fährt fort: „Beim Leichttraben ist es so, dass der treibende Impuls im Moment des Aufstehens gegeben wird. Quasi vollautomatisch. Beim normalen Leichttraben wird das innere Hinterbein aktiviert, denn es fußt im Moment des Aufstehens ab und schwingt nach vorn. Ist ja auch klar, weil man nur das Hinterbein aktivieren kann, das gerade abfußt. Das andere ist auf dem Boden und wird belastet. Das kann also nicht aktiviert werden.“

„Ist ja logisch“, behauptet die Frau im Brustton der Überzeugung.

Frau Reitlehrerin erklärt weiter: „Wenn du so wie jetzt auf dem äußeren Hinterbein leichttrabst, aktivierst du also das äußere Hinterbein. Das kann eine sinnvolle Gymnastizierung sein, wenn du bewusst ein bestimmtes Bein trainieren willst. Oft setzen einen die Pferde auf ein bestimmtes Hinterbein, weil es stärker ist. Dann macht es Sinn, bewusst auf dem anderen Hinterbein leichtzutraben, um es zu kräftigen, bis sich das Leichttraben auf beiden Hinterbeinen annähernd gleich anfühlt. Bei längeren Trabstrecken im Gelände ist es auch ganz wichtig, zwischendurch immer mal umzusitzen. Aber für den ganz normalen Hausgebrauch wollen wir das innere Hinterbein aktivieren, weil uns das in den Wendungen am meisten bringt. Also bitte einmal umsitzen!“

Außerdem ist das von der FN so vorgegeben. Wahrscheinlich, damit man überprüfen kann, ob die Reiterlein wissen, was die Hinterbeine im Trab so alles treiben. Aber ich bin ja hier nur das Pferd und hab eh keine Ahnung.

Worauf sich die Frau zweimal in meinen Rücken plumpsen lässt und wir nun wieder auf dem Pfad der Tugend unterwegs sind.

„Übrigens kann man im Leichttraben auch schöne Sitzübungen machen“, fällt Frau Reitlehrerin gerade ein.

Die Frau verdreht die Augen. Immer diese Turnerei auf dem Pferd! Sie will doch Dressurqueen sein, da macht man sowas einfach nicht. „Das sieht aber uncool aus“, wagt sie einzuwenden und denkt an die schicken Swarowski-Kristalle auf ihren Reitstiefeln. Alle Dressurqueens haben sowas. Aber wetten, dass keine von denen so bescheuerte Turnübungen machen muss wie sie? Sie seufzt abgrundtief.

Frau Reitlehrerin spricht ungerührt und mit einem strahlenden Lächeln weiter: „Du kannst zum Beispiel alle drei Trabtritte zweimal sitzenbleiben. Also aufstehen- sitzen- aufstehen- sitzen sitzen. Oder zwei Trabtritte lang stehen bleiben und zweimal aussitzen.“ Die Frau guckt komisch. Frau Reitlehrerin übersetzt: „Stehen stehen – sitzen sitzen.“

Die Frau hat angestrengt nachgedacht und schlägt vor: „Oder nach jedem Aufstehen zweimal sitzenbleiben.“

„Sehr gut!“, lobt Frau Reitlehrerin. „Es gibt da ganz viele Möglichkeiten.“

Die Frau strahlt.

* Lustige Pferdekrimis kann ich aber auch.

Aber genug gelacht, jetzt geht es an die Umsetzung. Und die ist eine Herausforderung für jemanden, der mit Mühe bis zwei zählen kann. Ich mache mir Sorgen um meinen zarten Rücken. Andererseits: Frau Reitlehrerin hatte bisher immer gute Ideen. Vielleicht wird das steife Frauchen ja unsagbar locker in den Hüften und fällt mir nicht mehr so zur Last? Lockersein ist ja bisher nicht ihre Kernkompetenz, und laut Frau Reitlehrerin verbessern die Sitzübungen das Körpergefühl und machen entspannt und geschmeidig.

Und siehe da, nach anfänglichen Problemen („Welche Zahl kommt nochmal nach eins?“) findet meine kleine Reiterin großen Gefallen an der Sache und zählt – vor Freude laut quietschend – meine Trabtritte mit, während sie sich mühelos und elastisch im Leichttraben übt. Und wenn Frau Reitlehrerin nicht zwischendurch auf die Uhr geguckt hätte, wären wir jetzt immer noch dran 😉

Bild: Reiten wird überbewertet. Leichttraben auch.

Zum Weiterlesen: 5 Dinge, die auch Fortgeschrittene beim Leichttraben häufig falsch machen von A LIFE WITH HORSES

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