Die Frau spricht mit den Tieren

Unsere sogenannte Besitzerin hat sich verändert. Sogar dem unbedarften spanischen Mähnenwunder ist es aufgefallen. Und das kann nur eins bedeuten: Die Frau will mal wieder ein neues Leben anfangen und wir müssen es ausbaden.

Sie will nämlich mit den Tieren sprechen, verkündet sie hoheitsvoll. Beruflich.

„Aber das tust du doch jetzt auch schon“, erwidert Frau Reitlehrerin.

Der Lutschi und ich erinnern uns an ihr endloses Geschwafel ihre präzisen Stimmkommandos und seufzen.

Die Frau winkt ab. „Nein, nein, anders. Mit Fotos.“

Jetzt ist Frau Reitlehrerin beeindruckt. „Mit Fotos? Wie soll das denn gehen?“

„So genau weiß ich das noch nicht. Aber ich mache eine Ausbildung für nur drölfzigtausend Euro und muss dann nicht mehr im Büro arbeiten, weil ich ganzheitlich mit den Seelen der Tiere kommuniziere. Gegen Bezahlung.“

„Wer bezahlt denn für sowas?“, erkundigt sich Frau Reitlehrerin.

„Viele Pferdebesitzer“, antwortet die Frau. „Ich zum Beispiel auch.“

„Und was hat der Pfridolin gesagt?“, erkundigt sich Frau Reitlehrerin.

„Er hat mir einen Brief geschrieben. Einen ganz, ganz süßen“, teilt die Frau mit. „Er hat der Tierkommunikatorin diktiert, dass er mich doll liebhat, das aber nicht immer so zeigen kann. Und außerdem drückt der Sattel.“

„Das hab ich dir auch schon gesagt“, erinnert Frau Reitlehrerin. „Die wenigsten Sättel passen ganz genau. Und nur wer sein Tier liebt, beauftragt eine Tierkommunikatorin. Pferdehasser tun das in den seltensten Fällen.“

„Nein, die hat das nicht geraten. Das war ein ganz, ganz schöner Brief. Und deshalb will ich das jetzt auch können.“

Frau Reitlehrerin guckt komisch. Vielleicht ist sie auch nur neidisch auf die unfassbare Geschäftsidee, die die Frau da aufgetan hat.

„Und heilen kann ich dann auch“, wirft die lässig hinterher.

„Und zwar wie?“, erkundigt sich Frau Reitlehrerin.

„Ich sage nur ein Wort: Telepathie. Und Fotos“, antwortet die Frau von oben herab.

Das sind schon drei Wörter, aber ich bin ja hier nur das Pferd und hab eh keine Ahnung.

„Und wenn du so ein Foto hast, dann kannst du das Pferd heilen?“

„Ganz genau. Und das ist zwar eigentlich magisch, aber andererseits könnte es jeder. Man braucht dafür das dritte Auge und schickt telepathisch Energie in den erkrankten Körperteil.“ Die Frau blickt verschwörerisch.

Also mal ganz unter uns – wenn das klappen würde, wäre kein Pferd der Welt jemals krank, lahm oder verletzt gewesen. Ein Foto – kurz angeguckt – Energie geschickt – und zack! gesund.

Frau Reitlehrerin hat der Frau dann erklärt, dass es Tierkommunikation wirklich gibt und wie sie funktioniert. Indem man nämlich Verhaltensweisen, Körpersprache und Mimik der Tiere gut beobachtet und deutet. Und ebenso könnte man auch mit den Tieren zurück kommunizieren. Die drölfzigtausend Euro für die sagenhafte Ausbildung sollte sie sich lieber sparen und sich oder uns davon was Schönes kaufen.

Die Frau rechnet kurz nach, dass das wohl ein größerer Einkauf wird und verschwindet freudestrahlend.

Und jetzt hab ich ein bisschen Angst vor dem, was sie alles anschleppt, denn es wird unweigerlich pink sein. Dann doch lieber Tierkommunikation. Da kann sie im Sommer schön mit den Zecken und Bremsen kommunizieren und denen sagen, dass die von mir wegbleiben sollen.

Bild: Spricht auch mit Menschen. Das spanische Mähnenwunder.