Die Sache mit dem Fokus

„Die Frau“ und „konzentriert“, das ist eine von diesen unm√∂glichen Wortkombinationen. So wie „Pony“ und „satt“ oder „Schimmel“ und „sauber“ ūüôā

Die Frau denkt an so viele Sachen gleichzeitig, dass ihr dabei immer irgendwas aus dem Рnennen wir es mal Gehirn Рherausfällt. Wahrscheinlich kullert es seitlich aus den Ohren heraus. Ist halt blöd, wenn die Ohren so eine unpraktische Form haben und so tief am Kopf befestigt sind.

Angeblich sind Frauen ja multitaskingf√§hig, so wie wir Pferde. Sie k√∂nnen also theoretisch gleichzeitig essen und atmen und nebenbei noch ihre Sozialkontakte organisieren. Die Frau hat sogar mal behauptet, sie w√§re zus√§tzlich noch in der Lage, zu lesen und irgendwas im Internet zu machen. Wobei das wahrscheinlich gelogen stark √ľbertrieben ist. So, wie ich sie kenne, ist sie froh, wenn sie das richtige Pferd in die richtige Box gestellt und nicht allzu viele Zubeh√∂rteile (Trensen, Hufkratzer, Reitgerten) in der Landschaft verstreut hat. Sprechen tut sie dabei auch. Viel. Und verpeilt hin- und herlaufen. Da will man die Latte in Sachen „sonstige Denkaktivit√§t“ ja nicht zu hoch h√§ngen ūüôā

Nat√ľrlich ist beim Reiten in ihrem Kopf ein genauso gro√ües Durcheinander. Zum Beispiel beim R√ľckw√§rtsrichten. Es f√§ngt damit an, dass ich irgendwo rumstehe und sie sich in den Kopf setzt, mich jetzt sofort r√ľckw√§rtsgehen zu lassen. Sie f√§ngt also an, an den Z√ľgeln zu rupfen, weil sie sich gemerkt hat:‚ÄěR√ľckw√§rts, nicht vorw√§rts! Da muss man doch sicher was mit der Hand machen!‚Äú Zweiter Gedanke, etwas sp√§ter: ‚ÄěVerdammt, ich hab die einleitende halbe Parade vergessen. Also schnell gro√ü machen und doll einatmen.‚Äú

Folgende Gedanken kommen außerdem, ungefähr gleichzeitig:
– Ach ja, r√ľckw√§rts muss man reiten. Also vorsichtshalber doch mal treiben und nicht nur am Z√ľgel ziehen.
– Ich muss irgendwie locker bleiben. Wenn ich mich entspanne, seh ich aber dick aus.
– Fl√ľssiges r√ľckw√§rts ist was anderes. Gleich meckert Frau Reitlehrerin wieder. Ich treib mal doller.
– Hab ich eigentlich mein Auto abgeschlossen?
– Mist, schief. Wie krieg ich das denn korrigiert? Ich nehm halt mal die Gerte dazu.
– Muss ich nicht auch irgendwas mit meinem Sitz machen?
– Mit dem Lutschi geht das bestimmt einfacher, der ist nicht so eigensinnig.
– Frau Reitlehrerin guckt so komisch. Was hat sie nur?
– Hab ich einen Hunger. Was es wohl gleich zu essen gibt?
РKönnte der Pfridolin wohl mal ENDLICH einen schönen diagonalen Tritt machen? Nur einen?
РBoah, ist das heiß/kalt/hell/dunkel hier.
– UND dabei leicht im Genick bleiben?
РIch hätte so gern braune Reitstiefel.
РDer will mich doch ärgern, oder? Der weiß doch genau, was er tun soll.
– Aus ganz weichem Leder.

Gew√∂hnlich h√∂rt es auf mit ‚ÄěOje, das gibt Mecker von Frau Reitlehrerin.‚Äú Und zwar zu Recht. Frau Reitlehrerin hat f√ľr gew√∂hnlich einiges zum R√ľckw√§rtsrichten der Frau anzumerken, und das wenigste davon gef√§llt ihr ūüėČ

Meistens will sie zur√ľckdiskutieren, aber dann ist ihr einmal etwas passiert, was sie sehr nachdenklich gemacht hat. Sie hat aus Versehen ein wirklich tolles, fl√ľssiges R√ľckw√§rtrichten am durchh√§ngenden Z√ľgel zustande gebracht. Also eigentlich hab ich das ja gemacht, aber sie hat tats√§chlich zum ersten Mal in ihrem Leben mitgeholfen.

Ein fl√ľssiges, flei√üiges R√ľckw√§rts, mit diagonalen Tritten und meinem Genick als dem h√∂chsten Punkt. Und ganz ohne Handeinwirkung, komplett aus dem Sitz heraus. Mit abgekipptem Becken und dem Fokus komplett auf R√ľckw√§rts. So, als ob sie ihre Energie komplett nach hinten geschickt h√§tte.

Bestimmt war das der ber√ľhmte unsichtbare Faden, von dem Frau Reitlehrerin so oft spricht. An dem h√§ngt die Frau n√§mlich und der zieht sie r√ľckw√§rts. Also wenn sie daran denkt. Vorw√§rts und nach oben kann der auch, aber das ist eine andere Geschichte.

Und warum ist das passiert? Weil sie in dem Moment mit dem Hintern gedacht hat. Sie hat sich genau vorgestellt und irgendwie auch gef√ľhlt, was passieren soll, und zack, hatte sie ein perfektes R√ľckw√§rts. Sie war sehr erstaunt. Ich auch.

Frau Reitlehrerin und ich warten jetzt darauf, dass sich so ein Moment wiederholt ūüėČ

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