Hoppi Galoppi

„Und an der langen Seite zulegen!“, kommandiert Frau Reitlehrerin.

„Waaas, noch schneller?“, fragt die Frau, meine sogenannte Besitzerin, entsetzt. Wir sind nämlich gerade im Galopp und gehen ganze Bahn. Also ich. In einem sehr entspannten Galopp. Kurz vor dem Schlafwandeln, eigentlich. Die Frau hängt wie ein Mehlsack im Sattel und krallt sich da fest, während sie sich dessen ungeachtet wie Ingrid Klimke fühlt, weil GANZE BAHN und UIUIUI. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich diesen Zeitlupen-Galopp mittlerweile so perfektioniert, dass man fast denken könnte, er wäre versammelt. Ist er aber nicht. Nur langsam. Aber pst, nicht Frau Reitlehrerin erzählen. Die Frau gibt halbherzig treibende Hilfen und ist froh, dass ich sie ignoriere.

„An der langen Seite zulegen!“, wiederholt Frau Reitlehrerin lauter, in der Annahme, die sogenannte Besitzerin hätte sie akustisch nicht verstanden. Aber da kann ich sie beruhigen, die Akustik ist nicht das Problem.

*

„Vorwärts reiten!“ ist das nächste Kommando. „Stell dir genau vor, wie der Pfridolin kraftvoll abspringt und die Galoppsprünge immer größer werden!“

„Mach ich doch“, lügt die Frau, die die ganze Sache ziemlich gruselig findet. Denn, so ihr Gedanke: Man weiß ja nie, ob das wilde Tier unter einem nicht doch mal spontan buckelt oder sonstige Ausraster hat. Immerhin ist es Winter, da ist sowas gut möglich.

Frau Reitlehrerin erkennt das Problem und lässt uns erstmal durchparieren. Gottseidank, sag ich da nur. Ich bin Freizeitpferd, ich DARF mich gar nicht anstrengen. Dann stelle ich mich zutraulich daneben, während sie der Frau folgendes erklärt: „Wir möchten den Durchsprung im Galopp verbessern, damit der Pfridolin athletischer wird. Galopp ist nämlich eine Gangart mit vielen Vorteilen: er ist ein gutes Bauchmuskeltraining, er ist wichtig für die Lunge und außerdem sind Galopp-Trab-Übergänge sehr gut für die Rückenmuskulatur.“

„Weiß ich doch“, behauptet meine Reiterin.

Ich muss mich erstmal sammeln, um das Gehörte zu verarbeiten. Es scheint jetzt doch auf Spocht herauszulaufen, da habe ich ja sicherheitshalber bisher einen großen Bogen drum gemacht. Andererseits: Athletisch ist cool, die Meedchen stehen auf Sixpacks. Und schließlich: Wer weiß, wie lang die sogenannte Besitzerin entsprechend motiviert ist, sie ändert ihre Meinung ja gern im Stundentakt. Außerdem sind Gehirn und Körper bei ihr nur entfernte Bekannte, wo sich der eine regelmäßig darüber wundert, was der andere so treibt, und umgekehrt.

Frau Reitlehrerin lächelt meine Reiterin an: „Sehr gut, dann können wir ja jetzt das Galopp-Training zu unserem Programm dazunehmen.“

Oh, Galopp-Training, denkt die. Das klingt interessant und verwegen. Und Frau Reitlehrerin erkennt endlich, dass die Frau mindestens genauso viel Ahnung hat wie sie. Das wurde ja auch Zeit. Bescheiden erklärt die Frau, sie wäre ja nur die Co-Trainerin, die Frau Reitlehrerin zur Hand gehe, wo es eben nötig sei.

Frau Reitlehrerin hat einen Master in Diplomatie und ihre Gesichtszüge gut unter Kontrolle, während sie die Frau und mich wieder nach draußen beordert, auf den zweiten Hufschlag. Dort sollen wir erst mal auf dem Mittelzirkel angaloppieren und den allmählich vergrößern.

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Wir tun, wie uns befohlen, schon weil Frau Reitlehrerin auffordernd guckt und körpersprachlich energische Signale gibt. Eigentlich stört die sogenannte Besitzerin nur, denke ich mir. Aber wie ich so um Frau Reitlehrerin herumgaloppiere, erkenne ich mal wieder ihr Genie.

Auf die Art gewöhnt sich nämlich das zaghafte Frauchen, das sonst immer einen auf dicke Hose macht, an die Galoppbewegung und wird mutiger, so dass wir tatsächlich irgendwann auf dem zweiten Hufschlag ankommen und dort – düdümm! ganze Bahn galoppieren. Und zwar in etwas, was ich durchaus Arbeitstempo nennen würde, denn es ist verdammt anstrengend und macht komische Gefühle in der Hinterhand. Aber auch WACH und ein bisschen WILD 🙂

Nachdem die Frau festgestellt hat, dass die ganze Sache zwar aufregend, aber auch irgendwie cool ist und Ähnlichkeit mit richtigem Reiten hat, ist sie kaum noch zu bremsen. Da hat sie Glück, denn wir wiederholen die Übung nach einer kurzen Verschnaufpause auf der anderen Hand.

„Das war aber jetzt starker Galopp“, stellt die sogenannte Besitzerin fest, als sie wieder sprechen kann.

„Das war ein gutes Arbeitstempo“, lächelt Frau Reitlehrerin freundlich, „und da ist noch viel Luft nach oben.“

„Oben, wie in … SPRINGEN?“, fragt die Frau entsetzt.

„Wir könnten dem Pfridolin mal Dualgassen in den Weg legen, das verbessert den Galopp auch. Aber vorerst üben wir das Beschleunigen ohne Hindernisse. In der nächsten Reitstunde legst du auf den langen Seiten noch ein bisschen zu und fängst ihn an den kurzen Seiten wieder ab. Das trainiert die Hinterhand und hilft dir, den versammelten Galopp zu entwickeln.“

„Und dann Galopp-Pirouette“, kräht die Frau, die durch die erhöhte Sauerstoffzufuhr anscheinend komische Ideen bekommt.

Frau Reitlehrerin und ich sehen uns an. Weil sie die diplomatischere von uns beiden ist, formuliert sie die Antwort. Es ist eine höfliche Form von leider nein, leider gar nicht und sie lautet: „Nicht direkt in der nächsten Reitstunde, aber es ist immer wichtig, Ziele zu haben. Das hilft beim Visualisieren, und das Visualisieren hilft dir wiederum, deinen Zielen näher zu kommen.“

Philosophisch, oder? Und wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet, ich muss mich wälzen. Bevor die Frau auf noch komischere Ideen kommt.

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