Eine Übung namens Kontinent. Oder so ähnlich.

Wir machen jetzt Möhren-Essen auf dem Reitplatz. Die sogenannte Besitzerin nennt es Zirzensik und fühlt sich unbeschreiblich wichtig. Das spanische Mähnenwunder und ich sagen „Snack“ dazu und finden es auch gut.

Im Wesentlichen stehen wir rum und die Frau wedelt mit Karotten, wobei sie sich lustig verrenkt. Im Moment steckt sie dem Lutschi von hinten nach vorn eine Möhre zwischen den Vorderbeinen durch, woraufhin der hektische Schnappbewegungen macht und versucht, die Möhre mitsamt Hand zu erwischen. Zuerst habe ich gedacht, die Übung heißt Krokodil, aber dann hat die Frau dem Mann erklärt, dass das Kontinent heißt. Oder so ähnlich, ich kann mir ja nicht alles merken 😛 Vielleicht war es auch Kontinenz? Irgendwas mit K halt. Wobei – wir haben es hier mit der sogenannten Besitzerin und den Stimmen in ihrem Kopf zu tun, da heißt es wahrscheinlich Kompromiss.

Auf jeden Fall soll sich der Lutschi später auf ein Karpalgelenk abstützen, das andere Vorderbein nach vorn gestreckt lassen und den Hintern in die Luft strecken. So ähnlich wie auf dem Paddock, wenn wir uns in die Vorderbeine zwicken und einer kurz vor dem Umfallen ist. Das wäre wohl ästhetisch und eine wertvolle Übung für Wasauchimmer, hat die Frau in ihren Wendyheften gelesen. Und wenn die Wendyhefte so was sagen – und die Stimmen in ihrem Kopf auch – , dann muss man das auch tun. Sie wollte sich ja sowieso mehr bewegen, mit Gymnastik und so, da passt das ganz gut. Denn merkwürdigerweise ist sie immer noch ein wenig, ahem, hüftsteif, was sich komischerweise nicht von allein gebessert hat. Im Moment macht sie Stretching und versucht gleichzeitig, dem Lutschi einen Vorderhuf hochzuheben und seinen Schädel mittels einer neuen Möhre nach unten zu locken. In der Hoffnung, dass der restliche Körper dann mitkommt und der Lutschi einen artigen Knicks macht.

„Ich weiß gar nicht, warum das so schwierig ist“, ruft sie dem Mann zu. „In meinen Pferdezeitschriften sieht es viel einfacher aus!“

Möglicherweise liegt das daran, dass die Leute in den Zeitschriften wissen, was sie tun, denke ich mir, während der Lutschi Kopfstand macht und die Möhre sucht.

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„Muss der sich so verrenken?“, fragt der Mann.

Das fragst du die Frau? Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Also gedanklich.

Die Frau hat währenddessen festgestellt, dass sie auch in Sachen Kontinent oder wie das heißt ein Naturtalent ist und teilt das dem Mann, diesem elenden Zweifler, in wohlgesetzten Worten mit. Unter anderem geht es in ihrem Redebeitrag darum, dass der Lutschi und sie eine ganzheitliche Erfahrung und Körperwahrnehmung hatten und dass das ein wichtiger Lernschritt ist, jawohl. Der Lutschi macht immer noch Kopfstand und frisst dabei ganzheitlich die Möhre, womit diese beiden Tätigkeiten jetzt und für alle Zeit miteinander verknüpft sind.

Als der Lutschi später, am Putzplatz, beim Hufe auskratzen unaufgefordert sein neues Kunststück zeigt und Frau Reitlehrerin zufällig daneben steht, zieht die ganz damenhaft die Augenbrauen hoch und guckt die sogenannte Besitzerin fragend an.

„Wir machen jetzt Zirzensik und er ist ja soooo motiviert“, strahlt die.

„Motivation ist toll“, lächelt Frau Reitlehrerin ihr pädagogisches Lächeln. „Aber muss er das unbedingt hier, auf dem harten Boden zeigen? Und was ist das überhaupt – Kopfstand?“

Und zack, schlechte Stimmung. Nichts verdirbt der Frau zuverlässiger die Laune als wenn man ihre Dressurakte nicht gleich richtig erkennt.
„Kompliment ist das“, faucht sie.

„Oh, ach so“, lächelt Frau Reitlehrerin ungerührt weiter. „Ich würde dafür erstmal ein Signal implementieren, damit der Lutschi genau weiß, wann er sein Kunststück zeigen soll und wann nicht. Also das Wort Kompliment, zum Beispiel.“

Die sogenannte Besitzerin schnauft. Ob vor Freude oder aus einem anderen Grund, kann ich nicht genau erkennen.

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„Und dann“ – Frau Reitlehrerin lächelt immer noch ihr unzerstörbares Teflon-Lächeln -„würde ich in dem Moment, wo er vorn runterkommt, den Kopf nach vorne führen, damit er keinen Kopfstand macht. Das ist nämlich eher unphysiologisch. Überhaupt sollte man die Pferde vor solchen Übungen immer gut aufwärmen, sonst kann der Bewegungsapparat Schaden nehmen, aber das hast du ja sicher getan.“

„Klar“, lügt die Frau.

„Aber abgesehen davon ist das Kompliment – richtig ausgeführt – eine wertvolle gymnastische Übung, durch die der Rücken aufgewölbt und gedehnt wird und zudem die Schulterfreiheit gefördert wird. Zusätzlich ist es eine Übung, die dem Lutschi zu mehr Balance verhilft. Also gleichzeitig eine Übung für mehr Koordination und auch für mehr Vertrauen.“ Frau Reitlehrerin lächelt und schlendert weiter.

Der Lutschi hat mittlerweile gemerkt, dass es am Anbinder keine Möhre gibt und hat sich aus seinem Kopfstand wieder hochgerappelt. Und die Frau lässt sich das Gesagte nochmal durch den Kopf gehen und wächst dabei um mindestens einen Meter, denn jetzt weiß sie erst, was für einen wichtigen Beitrag zum Pferdetraining sie und ihre Wendyhefte Pferdezeitschriften leisten. Wo sie doch jetzt Sachverständige für Zirzensik und mindestens Freiheitsdressur ist.

Und das Beste: Sie ist die Einzige bei uns im Stall, die solche Dinge tut. Herrlich, dann weiß keiner, ob sie es richtig oder falsch macht. Sie muss nur darauf achten, dass Frau Reitlehrerin nicht zuguckt, denn die kennt sich blöderweise mit allem aus, was Pferde betrifft 😛

Bild: Wo ist sie nur, die Möhre?

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One Reply to “Eine Übung namens Kontinent. Oder so ähnlich.”

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