„Was kann ich denn dafür, dass ich so ein unruhiges Bein habe?!“

Frau Reitlehrerin hat sich eine kurze Auszeit gegönnt – gegen den erklärten Willen meiner sogenannten Besitzerin. („Wie – du brauchst Urlaub? Hier im Stall verbringen wir unsere Freizeit, wovon musst du dich denn da erholen?!“). Nun ist sie wieder da, um zu begutachten, was sich während ihrer Abwesenheit getan hat. Sehr viel, könnte ich ihr antworten, aber ich bin ja hier nur das Pferd und werde gemobbt. Zum Beispiel von der sogenannten Besitzerin, die sich für die Wiedergeburt von Ingeborg Werth hält. Oder wie die heißt, ich kann mir ja nicht alles merken. Die Frau ist jedenfalls wieder voll im Dressurqueen-Modus und lässt es jeden merken, den Lutschi und mich eingeschlossen.

Weil aber das spanische Mähnenwunder geistig so unterentwickelt ist, dass ihm die höheren Dressurweihen bisher erspart geblieben sind, muss ich es mal wieder ausbaden. Da wird sich an den Zügeln festgehalten und mit den Absätzen gebohrt, dass einem das Fell ausgeht. Der Pfridolin ist so faul, da muss ich immer so viel treiben, höre ich dann als Begründung. Ich möchte die Frau gern mal erleben, wie sie freudig vorwärts geht, wenn ihr gleichzeitig jemand auf der Bremse steht. So ähnlich drückt es auch Frau Reitlehrerin aus, wenn auch viel diplomatischer.

„Warum darf ich eigentlich nicht mit Sporen reiten?“, mault die Frau dann. „ALLE reiten mit Sporen, nur ich nicht.“

* Ich kann übrigens auch Bücher!

„Weil Sporen nicht zum Treiben dienen, sondern zur punktgenauen Verfeinerung der Schenkelhilfe. Das heißt, dein Bein muss absolut ruhig am Pferd liegen.“

„Tut es. Guck, da“, zeigt die sogenannte Besitzerin nach unten.

„Nicht nur im Stehen, sondern in jeder Gangart“, lächelt Frau Reitlehrerin. Und zack, schlechte Laune.

„Was kann ich denn dafür, dass ich so ein unruhiges Bein habe?! Das ist alles der Pfridolin schuld“, giftet die Frau.

Aber Frau Reitlehrerin ist noch nicht fertig. „Du willst doch schließlich mit unsichtbaren Hilfen reiten, nur aus dem Sitz heraus“ – da kriegt die Frau mit einem Mal Herzchen in den Pupillen und einen verträumten Gesichtsausdruck – „und da ist es doch unlogisch, mit MEHR Hilfsmitteln zu reiten anstelle von WENIGER, oder?“

Die Frau, die es sonst mit Logik nicht so hat, kann dieser kindgerechten Argumentation folgen und nickt.

„Und damit der Pfridolin wieder fein am Schenkel wird und auf feinste Signale reagiert, musst du darauf achten, nicht ständig zu treiben.“

„Tu ich ja schon“, erklärt die Frau. „Nutzt aber nix.“

Ich kann das erklären: Die Frau ist beim Reiten so damit beschäftigt, zu atmen und sie selbst zu sein, dass ihre Körperteile komplett auf Autopilot schalten. Die Beine zum Beispiel wackeln die ganze Zeit, ohne dass dem irgendeine Gehirntätigkeit zugrunde liegt, geschweige denn, dass es die Frau überhaupt MERKT.

*
Frau Reitlehrerin hat das Problem ebenfalls erkannt und verkündet: „Die Hand reitet vorwärts. Das Bein ist lang und locker.“

„Siehste“, erklärt die Frau und verlangt erneut nach Sporen. Weil ihre Hilfengebung jetzt ja wohl prima wäre.

Frau Reitlehrerin bewahrt die Fassung und erklärt, dass es sich dabei um innere Bilder für die Frau handelt. Also Zielvorgaben.

Hmpf. Die Frau guckt beleidigt und reitet weiter. Weil sie sich aber vorübergehend entspannt und leichter mit der Hand wird, kann ich besser vorwärtsgehen.

* Und lustige Pferdekrimis auch!

Jetzt kommt Teil Zwei von Frau Reitlehrerins Plan. „Wackle mit den Zehen!“, ruft sie.

„Meinst du mich?“ Die Möchtegern-Dressurqueen auf meinem Rücken guckt verständnislos. Immer diese esoterischen Kommandos! Peinlich ist das.

Frau Reitlehrerin gibt nicht auf. „Wackle mit den Zehen! Stell dir vor, du würdest mit den Zehen Klavier spielen.“

Die Frau weist darauf hin, dass sie Dressur reiten will und sich nicht fürs Kinderturnen angemeldet hätte, aber Frau Reitlehrerin ist unerbittlich. Irgendwann dann geschieht Folgendes: Die Frau bewegt nacheinander ihre Zehen und ist selbst wahrscheinlich genauso erstaunt wie ich, dass sie zu solchen feinmotorischen Übungen in der Lage ist. Das automatisierte Dauergewackel ihrer Unterschenkel hört auf und ich wäre theoretisch in der Lage, einen feinen treibenden Impuls wahrzunehmen. Wenn denn die Frau zu solch koordinativen Meisterleistungen imstande wäre. Im Moment ist sie sehr glücklich damit, die Schenkel ruhig zu halten („lang und locker“, wir erinnern uns) und die einzelnen Zehen in der Bewegung zu spüren. Mal gucken, ob sie irgendwann zum gezielten Treiben vordringt 😉

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