Die Frau hat Hallenkoller

Es ist mal wieder soweit – die Frau hat die Krise. Sie musste nämlich ein paar Tage hintereinander in der Halle reiten, weil es kalt und glatt und frostig geworden ist. Sowas macht die Frau immer fertig. Vor allem ist es ihrer Meinung nach unerhört, dass es im Winter kalt wird, einfach so. Ich glaube, die meisten anderen bei uns im Stall waren nicht ganz so überrascht. Ein guter Hinweis waren auch die meterdicken Steppdecken, die man uns Pferden umgehängt hat. Aber das ist mal wieder typisch für die Frau: erst dem Lutschi und mir antarktistaugliche Winterdecken anziehen, sich dann aber über eine klitzekleine Schneeflocke erschrecken und den Weltuntergang ausrufen.

Das mit dem Winter ist ihrer Ansicht nach schon schlimm genug. Noch schlimmer aber ist das Reiten in der Halle. Beziehungsweise die Tatsache, dass es außer ihr noch andere Menschen gibt, die bösartigerweise auch in der Halle reiten wollen. Die bewegen sich einfach irgendwie und irgendwo fort, um dann ganz plötzlich vor oder neben ihr aufzutauchen. Beziehungsweise vor oder neben mir. Ich finde solche spontanen Begegnungen ja sehr reizvoll, weil sie etwas Abwechslung in das öde Hallenreiten bringen. Ich denke da zum Beispiel an die letzte Reitstunde, bei der ich fast ununterbrochen mit Stuti geflirtet habe. Für mich sind solche Begegnungen auch nicht ganz so überraschend wie für die Frau, weil ich ja Augen im Kopf habe und sie auch benutzen kann. Die Frau hält nämlich gottseidank nichts von Rollkur, weshalb ich beim Reiten meinen Kopf richtig rum halten kann. Anders die Frau: Die starrt so verbissen auf mich runter, als ob sie dauernd nachgucken müsste, ob ich noch da bin. Wenn dann noch –quasi aus dem Nichts – ein anderes Pferd auftaucht, kriegt sie Schnappatmung. Frau Reitlehrerin hat sie wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass ich wahrscheinlich nicht einfach so verschwinde, wenn sie mal wegguckt, aber anscheinend glaubt sie das nicht. Erst der fünfte Fast-Zusammenstoß mit einer anderen Reiterin bringt ihre diesbezügliche Überzeugung ins Wanken und ihren Kopf nach oben.

Sehr lästig sind auch die Bahnregeln, an die sich die Frau nur noch undeutlich erinnert. Linke Hand hat den Hufschlag – oder war es rechte Hand? Und wie reitet man nochmal aneinander vorbei? Und wieso überhaupt aneinander vorbei reiten, wenn man doch nebeneinander her reiten und dabei quatschen kann? Auch blöd: Sich vorher überlegen zu müssen, ob und welche Hufschlagfigur man reiten will, weil die anderen ja dann sehen, ob‘s geklappt hat. Stress pur!

Dann gibt’s noch die Longierer und Bodenarbeiter, die sich nur aus einem Grund in der Reithalle aufhalten: Um der Frau das Leben schwerzumachen und mich zu unterhalten. Ich guck mir ja immer gern an, was die machen, vor allem, wenn eine Stute beteiligt ist weil man dadurch zumindest nicht dümmer wird, aber die Frau ist oft so desinteressiert an ihrer Umgebung. Kein Wunder, dass sie im Winter so oft schlechte Laune hat!

Schlimm sind andere Menschen aber nicht nur, wenn sie reiten, sondern auch, wenn sie einfach so an der Halle vorbeigehen und dabei vielleicht noch Geräusche machen. Dann steht die Frau regelmäßig kurz vor dem Herzinfarkt, weil sie sich so davor gruselt, dass ich mich davor gruseln könnte, dass ich schon aus Sympathie einen kleinen Hüpfer mache. Damit sich die Aufregung auch gelohnt hat 😉