Tante Jenny muss weg

„Hilfe, mein Pferd mag die Urlaubsvertretung lieber als mich!“

Wisst ihr, warum die Frau so selten in Urlaub fährt? Nicht, weil sie das spanische Mähnenwunder und mich so liebt, dass sie sich nicht von uns trennen kann. Auch nicht, weil sich außer ihr keiner vernünftig um uns kümmern kann oder sie sich Sorgen macht, was uns in ihrer Abwesenheit alles zustoßen könnte.

Nein, der Grund ist ein anderer, und zwar schlichte Eifersucht. Sie gönnt es uns einfach nicht, dass wir auch mal Spaß haben.

Wenn die Frau wegfährt, kommt nämlich Tante Jenny und kümmert sich um uns. Als das zum ersten Mal passiert ist, haben der Lutschi und ich gedacht, dass jetzt jemand kommt, der noch älter als die Frau ist. Von wegen Tante und so. Schließlich denkt die Frau ja auch, sie wäre unsere Mutter.

Tatsächlich ist Tante Jenny viel jünger als die Frau und obendrein viel leichter. Und lustig ist sie auch und noch dazu will sie nicht dauernd Hohe Schule reiten. Das war der Frau aber irgendwie nicht so klar, als sie sich von uns verabschiedet hat, denn sie sprach von „Bootcamp“ und „Bauch Beine Po“ und „brav und fleißig sein“.

Und insgeheim hat sie sich Sorgen gemacht, ob denn Tante Jenny auch die Boxen ordentlich ausmisten würde und an unser Futter denken.
Und dann war da noch der Zettel mit Anweisungen für den Notfall und ausführlichen Vollmachten für Tierarzt, Tierklinik und was man sich sonst so vorstellen kann. Bei Fieber sollte der Tierarzt gerufen werden, bei Husten und dramatischen Verletzungen sowieso. Auch wenn einer von uns komisch guckt, sollte der Tierdoc anrücken. In allen anderen Fällen sollte uns Tante Jenny Colosan eintrichtern und (natürlich) den Tierarzt rufen. Für kleinere Verletzungen hatte die Frau extra noch die Stallapotheke * mit größeren Mengen an Blauspray, Aluspray und was der Markt sonst noch hergibt aufgestockt. Sie hätte mal lieber neue Beruhigungskräuter für sich selbst bestellen sollen, die scheinen alle zu sein.

Nach außen hin hat sie natürlich so getan, als wäre sie völlig entspannt. Nur der Mann wusste, dass sie damit rechnete, bei ihrer Rückkehr zwei ausgemergelte Muskelprotze in stinkenden Boxen vorzufinden. Falls wir dann überhaupt noch am Leben wären. Bei den ganzen Gefahren, die so auf einen lauern. Schließlich kann sich keiner so gut um uns kümmern wie unsere sogenannte Besitzerin. Ja denkste.

Nach einer hochemotionalen Abschiedsszene war sie endlich weg und es wurde richtig nett. Tante Jenny machte, dass es der Lutschi und ich sauber und trocken hatten, das Essen war gut und reichlich und Tante Jenny tiefenentspannt. Mit anderen Worten: Alle hatten Spaß, außer wahrscheinlich die Frau in ihrem Urlaubsexil.

Sogar der Lutschi, der sonst einen unseligen Hang zu fremdem Eigentum hat und gern Gegenstände aus anderer Leute Taschen entwendet, hat sich zusammengerissen. Ich glaube, er ist ein bisschen in Tante Jenny verliebt, weil die so kindgerecht auf das minderjährige Mähnenwunder eingegangen ist mit ihm gespielt hat.

Wir standen also mit glänzendem Fell und glänzenden Äuglein da, als die Frau verhärmt und kummergebeugt, aber auch braungebrannt wieder im Stall aufschlug. War aber irgendwie auch nicht richtig.

Tante Jenny hat nämlich ganz begeistert erzählt, was wir miteinander unternommen haben und wie viel Spaß das gemacht hat, worauf die Frau ganz kleine Augen und einen noch kleineren Mund gekriegt hat. Sie hat aber souverän getan und Freude geheuchelt. Darüber, dass alles so gut geklappt hat. Und dass das spanische Mähnenwunder und ich so gut aussehen.

Tja, und dann kam Frau Reitlehrerin dazu und lobte Tante Jenny über den grünen Klee. So schön locker wäre sie! Und die Seitengänge hätten auch ganz prima geklappt. In allen Gangarten.

Locker! Wenn die Frau sowas schon hört. Und dann noch Seitengänge! Sie hat ja schon fast der Schlag getroffen, als sie erfahren hat, dass der Mann Traversalen reitet. Heimlich. Um ihre Gefühle nicht zu verletzen.

Sie musste sich also sehr zusammenreißen, damit ihr das tapfere Lächeln nicht aus dem Gesicht fällt. Und sie hat auch versucht, ganz leise mit den Zähnen zu knirschen, ich hab‘s aber trotzdem gehört. Dem Mann hat sie zugezischelt, dass er das nächste Mal gefälligst alleine wegfahren soll. Dann war noch die Rede von „Pferde entfremden“ und „abspenstig machen“, da hab ich aber nicht mehr zugehört, weil uns Tante Jenny gerade Abschiedskekse gegeben hat. Da hat die Frau wieder ganz komisch geguckt.

Überhaupt guckt sie merkwürdig. So angespannt und unerholt. Sollte einfach mal chillen, die Gute. Oder sich einen schönen langen Urlaub gönnen.

Um den Lutschi und mich muss sie sich keine Sorgen machen. Tante Jenny und wir sind ein gutes Team.

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Bildunterschrift: Sollte die Frau auch mal machen, dann hätte sie bestimmt bessere Laune.