„Wenn keiner guckt, reite ich am besten!“

Heute: theoretischer Unterricht auf der Stallgasse.

Bei der Frau und dem Mann hängt der Haussegen schief. Schuld ist – wie immer – der Mann. Der hat die Frau nämlich, wie sie es auszudrücken beliebt, „falsch gefilmt. Du filmst immer nur, wenn es gerade nicht klappt!“

Die Frau, die sich bekanntlich für eine Dressurqueen hält, hatte den Mann nämlich wegen eingebildeter reiterlicher Erfolge um Bestätigung gebeten. Der tat sich da begreiflicherweise schwer, weshalb ihn die Frau zum Filmen einer Reiteinheit vergattert hatte, damit sie sich dieses reiterliche Highlight hinterher in der Behaglichkeit des eigenen Wohnzimmers anschauen könnte.

So jedenfalls der Plan.

In der Realität hockte mir die Frau genauso verspannt wie immer im Kreuz, mit schlackernden Beinen und unruhiger Hand.

Und es hatte sich doch so gut angefühlt! Sie hatte extra die neue Reithose angezogen, die Stiefel geputzt und mich gewienert, bis mir das Fell wehtat. Und zusätzlich noch einen hoheitsvollen Blick einstudiert. Muss man ja, als Dressurqueen. Konzentriert, aber doch gütig.

Und das sollte nun das Ergebnis sein?

Eine zweite Sichtung des Beweismaterials und der allgemeinen reiterlichen Verspannung förderte schnell den Schuldigen zu Tage. Tipp: Ausnahmsweise war es mal nicht ich.

Nein, der Mann wars. Der sie durch seine Anspannung und schlechte Laune ganz aus dem Flow gebracht hätte.

Aufgrund der ausgesprochen diplomatischen Art meiner sogenannten Besitzerin finden solche Gespräche gern im Stall statt, damit a) eine breitere Öffentlichkeit einbezogen wird und b) die anderen Pferdebesitzer stets auf dem laufenden sind.

„Ich muss entspannt und glücklich sein, sonst kann ich mich nicht konzentrieren“, erklärt sie gerade. „und am besten geht das, wenn ich allein reite und keiner guckt.“

Die anderen Pferdebesitzer, die anscheinend alle nichts Besseres zu tun haben als rumzustehen und zuzuhören, nicken und heucheln Verständnis. So auch Frau Reitlehrerin, die mittlerweile eingetroffen ist und sich neugierig zu der Menschenmenge gesellt hat.

„Und der Mann macht immer so schlechte Stimmung und jammert, ihm würde der Arm abfallen und ihm wäre schwindelig. Dabei bin ich nur eine halbe Stunde auf dem Zirkel geritten!“, macht die Frau weiter.

„Dem Pfridolin war auch schwindelig“, erwidert der Mann.

„Pferden wird doch nicht schwindelig“, erklärt meine empathielose Eigentümerin.

„Beim Westernreiten schwanken die Pferde manchmal nach den Spins, also denke ich, dass ihnen schon schwindelig werden kann. Abgesehen davon ist es für ein Pferd nicht einfach, im Kreis zu laufen und dort das Gleichgewicht zu finden. Junge Pferde müssen das erst lernen. Und so ganz allgemein macht es für ein Pferd einfach keinen Sinn, stundenlang im Kreis zu rennen“, greift Frau Reitlehrerin ein. „Und weil wir das wissen und zu langes Zirkelreiten langweilig und zudem noch eine einseitige Belastung ist, bemühen wir uns um ein abwechslungsreiches Training.“

„Ja genau“, erwidert die Frau, die ihre Felle davonschwimmen sieht. „Trotzdem filmt der Mann nur das, was nicht klappt. Und ich möchte doch auch mal ein schönes Reitvideo haben. Buhuhu.“

Gottseidank weiß Frau Reitlehrerin nicht nur alles, sondern kann auch alles erklären, und zwar in jeder Lebenslage. „Möglicherweise – also ganz eventuell – reitest du alleine nur das, was ohnehin gut klappt.“

Ich doch nicht! Die Frau schüttelt den Kopf.

„Und dass du dich besser konzentrieren kannst, wenn du auf keinen achten und niemandem ausweichen musst, ist auch klar.“

„Ja, der Mann stand beim Filmen auch immer im Weg! Sooo rücksichtslos!“, fällt der Frau noch ein.

Frau Reitlehrerin hat die Ruhe weg und erklärt weiter: „Und dann gibt es einfach noch einen Unterschied zwischen der Eigen- und der Fremdwahrnehmung. Was sich gut anfühlt, sieht nicht unbedingt gut aus und umgekehrt.“

„Ja und nun?“, fragt die Frau verzagt.

„Du musst dein Gefühl schulen. Deshalb sage ich dir im Unterricht auch, dass du dir ein bestimmtes Reitgefühl merken sollst. In dem Moment macht ihr nämlich alles richtig, der Pfridolin und du.“

„Ach so“, murmelt die Frau, die im Unterricht meist mehr mit sich selbst als mit Frau Reitlehrerin beschäftigt ist. Außer natürlich, wenn sie mit ihr diskutiert.

„Und nächstes Mal filme ich dich einfach im Unterricht, dann siehst du hinterher genau, was und warum Frau Reitlehrerin korrigiert hat und kannst dich an das jeweilige Reitgefühl erinnern“, schlägt der Mann vor und die Frau bekommt Herzchen in den Pupillen.

Damit das hier jetzt nicht emotional eskaliert, bollere ich vor die Boxentür. Zum einen ist es gerade langweilig, zum anderen hatte ich noch nicht genügend Leckerli. Romantik kann ich 😉

Wenn es euch auch so geht: Ihr seid nicht allein, A LIFE WITH HORSES kennt das Problem auch und weiß Rat!

Teilen mit: