Der Lutschi lächelt in die Kamera

Slow Riding

Slow Food kennt ihr, oder? Halt das Gegenteil von Fast Food. Aber kennt ihr auch Slow Riding? Nein? Dachte ich mir. Das ist nämlich eine Erfindung der Frau, die mit der Behauptung, der Lutschi wäre nicht langsam, sondern versammelt, nicht durchgekommen ist. Der Lutschi, der eigentlich Lucero heißt und unser spanisches Mähnenwunder ist, wird so genannt, weil er seine Umgebung vornehmlich mit dem Maul erkundet – er isst alles, was er findet, und was er nicht essen kann, wird zumindest angeknabbert, die Frau eingeschlossen. Sie ärgert sich dann zwar immer, aber wenn er sie mit seinem grenzdebilen Dackelblick anschmachtet, ist alles vergeben und vergessen.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie nicht ganz so reaktionsschnell ist. Bis sie gemerkt hat, dass er an ihr rumlutscht, ist er schon längst fertig damit, hat fein säuberlich den Anbindestrick aufgeknotet und ihren Putzkasten geklaut. Genauso unternehmungslustig ist er auch beim Reiten. Also wäre er eigentlich. Wenn die Frau ihn nur ließe. Aber die hat so Angst davor, dass er etwas anstellen könnte, dass sie ihn immer nur so halb vorwärts gehen lässt und sicherheitshalber ständig im Zügel hängt. Sie behauptet dann, spanische Pferde müssten so geritten werden und außer ihr hätte da sowieso keiner Ahnung von. Die Iberer wären halt nicht mit den herkömmlichen Warmblütern oder sonstigen Pferden zu vergleichen und müssten auf ganz spezielle Art geritten werden.

Frau Reitlehrerin verdreht dann immer die Augen. Auch iberische Pferde wären Pferde und könnten müssten demzufolge gesundheitsfördernd gymnastiziert werden. Dabei hätte diese permanente Rückwärtsreiterei mit der Hand rein gar nix zu suchen. Ganz im Gegenteil – auch hier wäre es ganz wichtig, die Hinterhandaktivität zu fördern, damit der Rücken zum Schwingen käme. Das wäre doch dann aber unbequem, diese ganze Rückentätigkeit, wagt die Frau einzuwenden. So wär’s gerade gut – ein wunderbar langsames Daherzockeln, bei dem man sich wie die Queen persönlich fühlen würde. Und wenn sie jetzt noch die Zügel in eine Hand nehmen würde, sähe es fast aus wie Hohe Schule oder Akademische Reitkunst. Vielleicht auch Working Equitation. Irgendwas Tolles und Besonderes halt, da wolle sich jetzt noch nicht festlegen.

„Hauptsache, du reitest beizeiten den ganzen schrecklichen Schwung raus“, stellt Frau Reitlehrerin fest. Die Frau stimmt begeistert zu, weil sie mal wieder nicht richtig zugehört hat und ihr die Ironie in Frau Reitlehrerins Stimme entgeht. Umso überraschter ist sie, dass Frau Reitlehrerin nun zu einem kleinen Exkurs über schwungloses Geschlurfe und Hinterhandaktivität ansetzt. Versammlung wäre nämlich nicht einfach nur langsames Reiten, sondern ein besonders erhabenes Abfußen der Hinterbeine, bei denen diese mehr Last aufnehmen. Bei Last hab ich natürlich gleich an die Reiterin gedacht, aber die kleine dicke Frau war ausnahmsweise mal nicht gemeint 😉

Aber Frau Reitlehrerin ist noch nicht fertig: Tatsächlich würde der Schwerpunkt des Pferdes mehr nach hinten verlagert. Die großen Gelenke der Hinterhand würden stärker gebeugt, so dass das Pferd vorne größer wirken würde als hinten. Und zwar nicht wegen des iberisch hohen Halsansatzes, sondern weil die Kruppe tiefer kommt. „Dieses Versammeln tun die Iberer ja von ganz allein“, winkt die Frau lässig ab. Deshalb hätte sie sich ja eigens ein Pferd mit eingebauter Versammlung gekauft.

Frau Reitlehrerin rauft sich ob soviel Starrsinns dezent die Haare und weist darauf hin, dass das dennoch keine reelle Versammlung wäre, sondern schlicht mit dem Zügel erzwungen. Keine Spur von gesteigerter Hinterhandaktivität weit und breit. Schon wieder diese Hinterhandaktivität! Die Frau runzelt die Stirn. In einem Anfall von wilder Motivation beschleunigt sie den Lutschi so, dass der aus dem gemütlichen Rumschlurfen aufschreckt und fast auf die Nase fällt. Das wäre jetzt aber zu eilig, teilt Frau Reitlehrerin mit. Das spanische Mähnenwunder, das durchaus Talent für die Versammlung hätte (die Frau leider nicht), müsste halt im gleichen Takt fleißiger abfußen und nicht einfach nur schneller werden.

Ich weiß ja nicht. Für mich ist und bleibt der Lutschi ein Siestapferd, und von Versammlung oder gar einer Piaffe sehe ich keine Anzeichen. Was sehr schade ist, denn so steht zu befürchten, dass die Frau mich demnächst wieder mit diesem Ansinnen konfrontieren wird. Währenddessen perfektioniert der Lutschi sein Slow Riding, und zwar vornehmlich beim Ausreiten. Ich glaube, die Frau würde schneller vorankommen, wenn sie sich auf einen Stuhl setzen würde. Der frisst auch nicht die ganze Zeit Gras 😉

Außerdem noch lesenswert zum Thema Versammlung:
Herzenspferd: Versammlung, was sie ist wie sie aussehen soll und wie Du sie erreichst!
Hippovital: Über die Anatomie der Hinterhand, die Tragkraft und Versammlung
Pferde verstehen: Warum Versammlung Kopfsache ist
Fühlend reiten: Das Verständnis von „Vorwärts“ in der Bewegung des Pferdes in Bezug auf die Ausbildung zur Tragfähigkeit
Equinality: Über Körper und Geist

4 Gedanken zu „Slow Riding

  1. Andrea

    Danke für diese herrlich amüsant geschriebenen, den Nagel auf den Kopf treffenden Geschichten über „die Frau“ und „Frau Reitlehrerin“.
    Fundiert und mitten aus dem reiterlichen Alltag (Y)

    Antworten

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *