„Achtung, da reit ich immer lang!“

Ja, so ist sie, meine sogenannte Besitzerin. Flexibel wie eine Bahnschwelle und mindestens genauso beweglich.
Es fängt schon damit an, dass alles immer in der gleichen Reihenfolge gemacht werden muss. Bei der kleinsten Abweichung von der täglichen Routine wird sie komplett wuschig.

Zum Beispiel gehen wir zu Beginn der Reitstunde immer zwanzig Minuten Schritt. Auf dem zweiten Hufschlag. Ganze Bahn.
Immer.

Ich weiß ja nicht, wie das bei euch so ist, aber mir schalten sich die Synapsen schon ab, wenn ich die Reithalle nur von weitem sehe.
Während die Frau den zweiten Hufschlag dadurch markiert, dass sie eine Bob-Bahn in den ansonsten makellosen Sand fräst, guckt sie streng geradeaus.

Aufmerksamkeit ist wichtig und Reiten eine ernste Angelegenheit, vor allem, wenn man so profilneurotisch ist wie sie. Wenn es einen Pokal für die langweiligste Aufwärmeinheit ever gäbe, würde sie ihn gewinnen. Jeden Tag aufs Neue.

Und Gnade Gott dem armen Wurm, der so leichtsinnig ist und es wagt, ihren immergleichen Weg zu kreuzen. Schließlich reitet sie da IMMER lang, das dürfte sich ja mittlerweile herumgesprochen haben.

„Achtung, da reit ich immer lang!“, belehrt sie auch Frau Reitlehrerin, die sich zu Beginn der Stunde falsch positioniert hat und den zweiten Hufschlag blockiert.

„Dann reit doch eine einfache Schlangenlinie um mich rum!“, erwidert die.

„Das geht nicht, darauf bin ich jetzt noch nicht eingestellt“, erwidert die Frau, in der mit einem Mal die Stresshormone kreisen.

Ich marschiere also brav weiterhin geradeaus auf Frau Reitlehrerin zu und bleibe vor ihr stehen, weil wir vor dem eigentlichen Unterricht immer dieses Kuschel-Ding machen und uns gegenseitig erzählen, wie toll wir uns finden.

Die Frau auf meinem Rücken fängt langsam wieder an zu atmen. Bei überraschenden Kommandos von Frau Reitlehrerin kriegt sie nämlich Schnappatmung, weil sie nie so genau weiß, wo sich ihre einzelnen Körperteile gerade aufhalten und sie dementsprechend lange braucht, um sich zu sortieren.

Meistens fangen wir im Unterricht mit Seitengängen an, da weiß die Frau immer schon ungefähr, was kommt. Bis auf das eine Mal, als Frau Reitlehrerin uns direkt mit Übergängen traktiert hat. Für mich war das nett, weil es endlich mal was anderes war. Der Frau ist aber zunächst einmal sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen, bis sie dann das Schnaufen und Zetern angefangen hat.

*
Zu wenig Farbe? Wie wär’s mit einer neuen Schabracke? *

Wie Frau Reitlehrerin das denn mit ihr machen könnte – einfach so schnell neue Kommandos geben. Sie müsste sich doch erst sortieren und jeweils auf die neue Anforderung einstellen.

Frau Reitlehrerin erwidert mit großer Ruhe, dass sich die Frau dann halt mal schneller sortieren müsse. Das wäre einfach nur eine Übungssache.

Worauf die Frau mit einem leisen Röcheln geantwortet hat.

Und das war der Zeitpunkt, wo ich gedacht habe, jetzt atmet sie gar nicht mehr. Nie mehr.

Und gerade, als ich mich an die paradiesische Ruhe da oben gewöhnt habe, kommt sie wieder zu Atem und erklärt Frau Reitlehrerin mit lauter Stimme, sie müsste ja schließlich nicht nur sich selbst, sondern auch ihr widerborstiges Reittier auf die neue Lektion vorbereiten. Halbe Parade und so.

Woraufhin Frau Reitlehrerin die Ansicht vertritt, eine halbe Parade würde gemeinhin keine halbe Runde dauern. Der Pfridolin wüsste ja schon, was als nächstes kommt, weil er so klug ist.

An dieser Stelle durfte ich übrigens in die Mitte kommen, damit mich Frau Reitlehrerin loben und die Frau besser zuhören kann. Die kann ja bekanntlich nicht gleichzeitig reiten und zuhören.

Also, fasst Frau Reitlehrerin zusammen. Durch endloses Vorbereiten wird der Übergang in der Regel nicht besser. Wenn der Pfridolin schön läuft (was ich meistens tue, wenn Frau Reitlehrerin dabei ist), nicht stundenlang mit Schenkel und Zügel rumwurksen, sondern einfach mit der eigenen Energie reiten.

Schon wieder so ein esoterischer Quatsch, denkt die Frau und erkundigt sich, wie das denn bitteschön funktionieren solle.

Für Übergänge in die nächsthöhere Gangart stellst du dir GANZ GENAU vor, wie der Pfridolin antrabt oder angaloppiert, und dann lässt du die Energie nach vorne raus – und für Übergänge in die niedrigere Gangart stellst du dir das genauso vor. Außerdem kippst du das Becken impulsartig so ab, dass die Energie nach unten geht. Wie eine Bowlingkugel, die du aus deinem Becken nach hinten runterkippst.

Die Frau runzelt die Stirn, weiß aber, dass die Anweisungen von Frau Reitlehrerin Hand und Fuß haben, egal, wie bescheuert die sich anhören.

„Aber nur ein einziges Mal“, knurrt sie mit strenger Stimme.

Und was soll ich sagen – wenn Frau Reitlehrerin mich nicht erlöst hätte, müsste ich immer noch mit einer vor Freude quietschenden Reiterin einen Übergang nach dem anderen machen.

Peinlich, sowas. Und anstrengend 😛

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