Herrlich, dieses Ausreiten!

Die sogenannte Besitzerin war wieder an den Beruhigungskräutern in der Futterkammer und fühlt sich wie Ingrid Klimke. „Wir gehen ausreiten, der Lutschi muss ja schließlich auch im Gelände ausgebildet werden“, beschließt sie. Der Lutschi ist unser spanisches Mähnenwunder und heißt eigentlich Lucero. Weil er die orale Phase nie so ganz überwunden hat, wird er Lutschi genannt. Aber das wisst ihr ja.

Der Plan sieht so aus: Der Mann lässt sich von mir durch die Wildnis rund um den Hof schaukeln, die Frau – in ihrer Funktion als Ausbilderin und somit ganz wichtig – schwingt sich, mit Sturzhelm und -weste bekleidet, auf den tiefenentspannten Spaniokel, der erstmal aus der Siesta wachgerüttelt werden muss. „Der ist ja noch jung, da weiß man nie“, tönt sie und fällt vor Schreck fast runter, als sich der Lutschi den Kopf am Bein kratzen muss.

Dynamisch verlassen der Mann und ich den Hof. Ausreiten ist ja immer son büschen aufregend. Man weiß auch nie, ob man nicht doch unterwegs von wilden Tieren gefressen wird, da muss man wachsam sein. Ich beschließe, vorne zu gehen, damit es mich nicht als ersten erwischt. Das spanische Mähnenwunder zockelt apathisch hinterher. Einmal beschleunigt es. Das ist, als sich ein Radfahrer von hinten anschleicht und uns überholt. Die Frau quiekt laut: „Hoooo, ruhig, Lucero!“ Der Lutschi hat währenddessen entdeckt, dass rechts und links vom Weg Gras wächst und stürzt sich begeistert auf die Vegetation. „Aber ruhig ist er“, stellt der Mann fest. Die Frau guckt böse.

Weiter geht’s. Das nächste Fahrrad kommt, diesmal von vorn. Wusstet ihr schon, dass Fahrräder bergauf, bergab und sogar im Wald fahren können? Also ich wusste das nicht. Ok, bergab, kennt man ja. Bergauf auch, das heißt dann E-Bike. Oder so, wie es die sogenannte Besitzerin macht, das nennt sich schieben. Dieses Exemplar fährt aber, und zwar sehr zügig. Und es ist nicht allein. Ihm folgt eine Horde Rennräder, die ebenfalls mit einem Affenzahn an uns vorbei rauschen. Das geht so schnell, dass sich keiner von uns erschrecken kann. Auch irgendwie praktisch, denke ich und rupfe ebenfalls ein bisschen Gras. Wer weiß, was noch so alles passiert, da ist es besser, wenn man sich vorher ausreichend stärkt. Wie weise das ist, zeigt sich wenig später, als uns ein Trecker begegnet. Mit einem sperrigen Anhänger. Auf einem sehr, sehr kleinen Weg. Flugs hüpft die Frau vom Lutschi herab und manövriert ihn auf den Acker neben der Straße. Der Landmann zetert. Irgendwas mit „Raus aus dem Acker!“ Die Frau zetert zurück. Irgendwas mit „Wo sollen wir denn sonst hin?!“ Der Mann und ich gesellen uns dazu und der Trecker fährt endlich an uns vorbei. Der Lutschi frisst. Ich auch.

Die Frau wirkt mit einem Mal sehr müde. „Sollen wir umdrehen?“, fragt der Mann. Aber der pädagogische Ehrgeiz ist größer. „Der Lutschi bekommt heute seine Trainingseinheit im Gelände, koste es, was es wolle“, tönt die Frau, die mit einem Mal einen Energieschub hat. Der Mann guckt verschreckt und bereut seine Hilfsbereitschaft. Und wir beide fragen uns, was genau in diesen Beruhigungskräutern drin ist.

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Ohne weitere Vorkommnisse erreichen wir den Wald und die Reitwege. Eines haben wir schon gelernt: Im Wald ist man nie allein. Auf einem Reitweg auch nicht. Da gibt es Spaziergänger, Spaziergänger mit Hund, Hunde ohne Spaziergänger, Männer, die an Bäume pinkeln, Geocacher auf Schatzsuche und als Tüpfelchen auf dem I die rüstige Rentnerbande, die mit dem Rad durch den Wald tobt und im Vorbeifahren so ins Taumeln gerät, dass sich doch tatsächlich einer der betagten Herren am Lutschi abstützen muss. Also Nervenkitzel pur. Der Lutschi lässt sich aber nicht irritieren. Während die sogenannte Besitzerin hyperventiliert, untersucht er die Bäume auf ihren Nährwert. Im Wald kann man nämlich nicht nur vom Boden essen, nein, weiter oben ist es auch lecker. Meine anfänglichen Vorbehalte gegen den Aufenthalt in der Wildnis schwinden.

Bis wir Hufgetrappel hören. Da ist sogar der Lutschi kurzfristig wach. Das ist ja das ultimative Feindbild: andere Ausreiter! Die machen es immer falsch, findet die sogenannte Besitzerin. Entweder sind sie zu schnell, zu langsam, kommen aus der falschen Richtung (von vorn), kommen aus der falschen Richtung (von hinten) oder sind einfach unhöfliche Irre. So wie sie. Dann gibt es noch die Netten und die Anderen (Mehrfachkombinationen sind möglich). Die Netten, das sind die, die zum Schritt durchparieren, wenn sie sich nähern. Die Anderen reiten alle Gangarten außer Schritt, wenn sie an einem vorbeiknattern. Nach mehreren dynamischen Begegnungen fragt der Mann: „Sollen wir doch lieber wieder auf die Straße?“ und die Frau nickt verzagt. „Da ist nicht ganz so viel los.“

Was ich persönlich für die Untertreibung des Jahrhunderts halte. Sogar auf der Autobahn wäre weniger Verkehr als auf dem Reitweg. Und ich weiß ja nicht, wie das bei euch so ist, aber ich finde, Herdentrieb und Gesellschaft werden echt überbewertet. Wenn einem ständig jemand vor die Füße springt, verliert das irgendwann seinen Reiz. Meine zarten Nerven liegen jedenfalls blank und ich möchte jetzt bitte aus dem Bällebad abgeholt werden und nach Hause. Was ich auch deutlich kommuniziere. Der Mann trägt es mit Fassung. Die Frau und der Lutschi sind weit hinter uns und stehen noch irgendwo im Grünen, weil der Lutschi erst noch aufessen will. Ohne mich, ich bin dann mal weg. Sollen die doch gucken, wie sie ohne mich klarkommen.

„Aber geländesicher ist er!!!!“, trompetet uns die Frau hinterher.

Bild: Auf der Autobahn ist weniger los als auf dem Reitweg. Fragt mich, ich kenne mich aus.

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